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Herbergsmutti statt Medientante

Angie Sebrich war Leiterin der Kommunikation beim Musiksender MTV. Ein Traumjob: Glitzerpartys mit Showgrößen, Dienstreisen rund um die Welt. Bis sie sich die Sinnfrage stellte. Seitdem leitet sie mit ihrem Mann die Jugendherberge am Sudelfeld.
Ein Artikel von Kathrin Thoma-Bregar

Fotos: Angie Sebrich

Es ist Herbst am Sudelfeld. Bunte Blätter fallen und der erste Schnee wird nicht mehr lange auf sich warten lassen. Für Angie Sebrich und ihren Mann Mike sind es verhältnismäßig ruhige Wochen. 106 Schlafplätze zählt ihre Jugendherberge, verteilt auf 19 Zwei- bis Zehnbettzimmer. Montags bis freitags sind es vor allem Schulklassen, die ein paar Tage oben in den Bergen auf 1.200 Meter Höhe verbringen. An den Wochenenden kommen Vereine, Sportgruppen und Familien und im Winter natürlich die Skifahrer. „Hoffentlich wird es mit dem Schnee heuer nicht wieder so heftig wie letztes Jahr, das war kein Spaß. Wir waren nur noch bedingt erreichbar und ich hatte Angst, ob die Hütte hält“, erinnert Angie Sebrich sich und schaut aus ihrem Bürofenster über Almflächen und Gipfel.
Angie Sebrich ist in Garmisch geboren und aufgewachsen, ihre Kindheit ist frei und unbeschwert. Erst in der Pubertät rebelliert sie. Schule wird ihr egal. In der neunten Klasse droht sie zwei Mal sitzen zu bleiben. „Ich war wirklich extrem, mal Rocker, dann Popper, dann Öko. Ich wollte gar nicht gut sein, ich habe schlechte Noten gesammelt und fand das cool“, sagt sie. Dass Erfolg Spaß machen kann, lernt sie im Sportunterricht. Im Hochsprung wird sie die beste der Schule – und zieht in den anderen Fächern nach. Angie Sebrich legt das Abi schließlich mit einem Notendurchschnitt von 1,4 ab. Dieser „Spaß am Erfolg“, am Machen wird ihr fortan zum Lebensmotto.

Stressig, aber aufregend
Nach der Schule liebäugelt sie mit der Schauspielerei. Der plötzliche Tod des Vaters beendet diesen Traum. Als sie 20 Jahre alt ist, stürzt er mit dem Segelflieger ab. Von einem Tag auf den anderen ist nichts mehr wie es war. Angie Sebrich entscheidet sich nun doch lieber für ein Betriebswirtschaftsstudium in München. Sie will etwas Sicheres machen, kein Theater. Zunächst arbeitet sie in einer PR-Agentur. Dann wird sie Pressesprecherin beim neu gegründeten Privatradio „Antenne Bayern“, kommt mit Showgrößen wie Udo Lindenberg und Bryan Adams zu-sammen. „Und als ich da so gar nicht weg wollte, sondern mich richtig wohlgefühlt habe, kam MTV.“ Der Musiksender bietet ihr den Job der Kommunikations-direktorin für Deutschland, Österreich und die Schweiz an. Es folgt eine unglaublich stressige, aber auch spannende Zeit. Die Arbeitstage sind lang, die Nächte verdammt kurz. Zum schwarzen Kaffee am Morgen gibt‘s schnell eine Zigarette auf nüchternen Magen.
Zwischen den Meetings, Terminen und Präsentationen holt sich Angie ein Sandwich vom Kiosk und abends was von der Tankstelle. Ein gesundes Leben schaut anders aus. Aber es ist aufregend, sie jettet um den Globus, trifft die Großen der Musikbranche, Eminem, Jennifer Lopez, Mariah Carey. – „Die in Echt auf dem roten Teppich alle übrigens viel kleiner aussehen“, sagt sie und lacht. Überhaupt lacht sie viel.
Ihr Leben ändert sich, als sie für die Renovierung ihres kleinen Münchner Hexenhauses in der Nähe des Englischen Gartens einen Handwerker sucht – und Mike kennenlernt. Aus dem ruhigen Mann und der quirligen Angie wird ein Paar. Bis dato waren ihre Kollegen ihre Familie.
Sie beginnt sich zu fragen, wie lange sie das Tempo noch durchhalten kann, und will: „Der Job war klasse, aber mit 35 Jahren war der Zeitpunkt für etwas anderes da. Wir hörten von der Jugendherberge am Sudelfeld und dass dort neue Leiter gesucht werden.“ Also kündigt sie bei MTV und zieht mit Mike auf den Berg, das totale Kontrastprogramm. Aber es passt zu Angie Sebrich. „Weil Leben Veränderung bedeutet. Es ist egal, was man tut, man muss nur machen, egal was.“ Zwei Tage nach der Kündigung erfährt sie, dass sie schwanger ist. Mit Zwillingen.

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Der Anfang ist hart
Es ist Februar 2001 als Angie und Mike im neuen Allrad-Auto hinauf zum Sudelfeld fahren. Es stürmt, es schneit und sie landen im Graben. Als sie die Jugendherberge endlich erreichen, ist die Dienstwohnung noch nicht fertig und ihre Umzugskartons sind nicht da. Der Interimsleiter verabschiedet sich sofort und die beiden sind auf sich gestellt. Sie sind noch nicht richtig da und jeder will etwas. „Die erste Zeit war zum Wiederaufhören“, gibt Angie Sebrich zu. Im März wird es leichter. Bis zum 6. April. Die Zwillinge müssen per Notkaiserschnitt geholt werden, drei Monate zu früh. Es ist lange nicht klar, ob die zwei Mädchen es schaffen.

Sebrich-JH-Tür_grJeden Tag pendeln Angie und Mike zwischen dem Sudelfeld und Rosenheim und halten den Jugendherbergsbetrieb trotzdem weiter am Laufen. In fünf Monaten legen sie 12.000 Kilometer zurück. Dann dürfen sie die Winzlinge schließlich mit heimnehmen. Wo hat sie in dieser Zeit so viel Energie hergenommen? „Die Arbeit hat geholfen, ich konnte gar nicht so viel nachdenken. Und wenn, habe ich versucht, positiv zu denken. Nur so kann ich überleben, das war schon immer so. Auch wenn etwas Schlimmes passiert, glaube ich, dass es gut ausgehen wird.“ Das ist es. Heute sind die Zwillinge zwei junge Damen und vor acht Jahren kam noch Nachzüglerin Lilli auf die Welt.
Die Entscheidung für das Leben auf dem Berg hat Angie Sebrich nie bereut. Obwohl sie gemeinsam arbeiten, sehen sie und Mike sich nicht ständig. Ihre Aufgabenbereiche sind klar getrennt und das sei auch gut so. „Mir gefällt die Arbeit und für die Familie ist es super. Ich bin nicht in Los Angeles oder Miami, sondern immer da, wenn die Kinder mich brauchen“, sagt die 53-Jährige.
Das Telefon klingelt. Herbergsmutter Angie wird gebraucht. Zu lange Pausen sind eh nicht ihr Ding, sie macht lieber.

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