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Der Höhenmeter-Sammler

Philipp Reiter ist Ultra-Trailrunner, einer der besten der Welt. 60 bis 80 Kilometer rennt er an einem Tag, bergauf, bergab, über Geröll, querfeldein. Im Winter zieht er die Tourenski an – und läuft weiter.
Ein Artikel von Kathrin Thoma-Bregar

Watzmann Ostwand ©Philipp ReiterWie wird man Ultra-Läufer? Bist Du schon als Kind ständig in Bewegung gewesen?
Meine Eltern haben meine beiden Geschwister und mich schon immer mit nach draußen genommen, Radfahren, Berggehen, Skifahren, Langlaufen, Lagerfeuer brennen, unter den Sternen übernachten. Uns vor den Fernseher zu setzen, wäre deutlich einfacher gewesen, aber die abenteuerlichen Erlebnisse sind uns jetzt immer noch präsent. Irgendwann habe ich dann mal eine Ausschreibung für ein Skitourenrennen gelesen und habe mitgemacht. So fing es an.

Der Dötzenkopf (mit 1.001 Metern der niedrigste Eintausender-Gipfel des Lattengebirges) spielte eine besondere Rolle, oder?
Genau. Anfangs bin ich mit Stöcken die Berge raufgegangen, um mich für den Winter fit zu machen, die Bewegung ist ähnlich dem Skitourengehen. Bis mich mal ein Bergläufer ohne Stöcke überholt hat und ich mir dachte: Das mache ich auch! Weil das die Pumpe zu Beginn gar nicht schafft, habe ich mir den niedrigen Dötzenkopf als erstes Laufziel ausgesucht. So bin ich dann zum Berg- und Trailrunner geworden.

In der Ebene laufen ist eher nichts für dich, oder?
Nein, das macht mir einfach keinen Spaß. Ich brauche eine Herausforderung im Gelände, will etwas entdecken und von oben schaut doch alles viel schöner aus.
Teufelsgrat Wetterstein ©Philipp Reiter
Wie viel muss man trainieren, um Distanzen von 65 Kilometer über Stock und Stein überhaupt durchzuhalten?
Pauschal kann man das nicht sagen. Man muss schon viel Zeit investieren, aber in der Vorbereitung ist es zunächst unerheblich, welche Sportart man betreibt, wichtig ist es, den Körper an lange Ausdauerbelastungen zu gewöhnen und das an mehreren Tagen hintereinander. Also nicht immer nur laufen, weil dann immer genau dieselben Muskeln beansprucht werden, das führt schnell zu Überlastungen. Abwechslung, Krafttraining und Alternativsportarten sind absolut wichtig.

Du bist noch jung. Merkst du die langjährige Belastung trotzdem schon?
Na klar, jetzt bin ich 27 und mache das Ganze schon seit mittlerweile zehn Jahren, da merkt man schon, dass es nicht mehr ganz so einfach geht und es auch Tage gibt, wo einfach nichts geht und ich müde bin. Das war früher eigentlich nie so, irgendwas ging immer.

Was war das bisher härteste Rennen, das du gelaufen bist? Warum war es das? Was waren die Distanzen?
Ich war bei einem 50-Meilen Rennen in Kalifornien und hatte wohl irgendwas Verdorbenes gegessen. Nach nur drei Kilometern habe ich so ex-treme Krämpfe bekommen, dass ich meine Beine kaum mehr abwinkeln konnte. Aber ich habe nicht aufgegeben, sondern mir einen langen Ast aus dem Gebüsch gebrochen und bin die Distanz gewandert. Über mehr als 10 Stunden.

Teufelsgrat Wetterstein ©Philipp ReiterWas war dein schönster Wettkampf und warum?
Einer der für mich persönlich besten Wettkämpfe ist der Transalpine Run. 7 Tage im 2er-Team über die Alpen. Man lebt jeden Tag in seiner eigenen kleinen Welt, muss sich um Material, Essen und Ausrüstung selbst kümmern. Wenn man sich mit seinem Partner richtig gut versteht, dann ist es ein ziemlich lustiges Unterfangen.

Im Winter tobst du dich weiterhin auf den Tourenski aus. Letztes Frühjahr hast du die längste Skitour der Welt absolviert.
Mit dem Red Bull Projekt „Der lange Weg“ könnte man vermutlich Bände füllen, aber ja, wir haben letztes Jahr im März und April den gesamten Alpenbogen mit den Skiern von Ost nach West durchquert, von Wien bis Nizza. Das waren 36 Tage, 1.721 Kilometer und knapp 90.000 Höhenmeter. Ein unvergessliches Erlebnis!

Wie ernährst du dich? Kannst du überhaupt so viel Kalorien essen, wie du verbrauchst?
Ich habe keine spezielle Ernährung, ich esse das, was mir schmeckt, gesunde Mischkost. Am liebsten allerdings Kuchen und Gebäck, da könnte ich mich nach einem langen Training geradezu eingraben.

©Philipp ReiterDu studierst in Salzburg Mathematik und Biologie. Warum nicht Sport?
Ich wollte ganz bewusst mein Hobby und meinen späteren Beruf trennen.

Wie schaut’s bei dir mit Nichtstun aus?
Wenn ich nicht irgendwo draußen herumrennen, sitze ich vermutlich am PC, sortiere Fotos oder schneide Filme. Das ist meine zweite große Leidenschaft, Momente und Emotionen auf Speicherkarte bannen. Ich kann nämlich dort mitrennen, wo der durchschnittliche Fotograf und Filmer nicht hoch- und mitkommt.

DREI TIPPS für Trailrunning-Einsteiger von Philipp Reiter:

  1. Langsam anfangen. Der Körper braucht Zeit, sich an die Belastung zu gewöhnen, die Kondition wächst nicht über Nacht und auch die Sehnen und Bänder brauchen Zeit, sich anzupassen.
  2. Wer am Material spart, muss später den Arzt bezahlen. Laufen ist wirklich günstig: ein paar Laufschuhe, einen Rucksack, eventuell Stöcke und schon kann es losgehen. Aber jeder Fuß ist individuell, deshalb sollten Schuhe nicht nur ein gutes Profil aufweisen, sondern eben auch passen. Die Beratung vor Ort kann kein Online-Schnäppchen ersetzen.
  3. Setze dir Zwischenziele. Gerade zu Beginn ist es fast unmöglich, steile Passagen komplett durchzulaufen. Also zuerst nur die ersten fünf Serpentinen durchlaufen, beim nächsten Mal ein paar weitere, irgendwann bis zur Streckenhälfte und dann erst alles bis zum Gipfel.
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