Der kleine Unterschied

Männer lieben das Risiko. Ihre Gesundheit ist stärker als die von Frauen vom sozialen Status, vom Einkommen und vom Beruf abhängig.
 Ein Artikel von Maria Riedler

Fast überall auf der Welt werden Frauen älter als Männer. Aber es gibt Länder, in denen die Lebenserwartung der Geschlechter ganz nahe beieinander liegt, wie beispielsweise in Japan. Und es gibt andere, wie Russland, wo die Männer mehr als ein Jahrzehnt vor ihren Frauen sterben. In Österreich leben Frauen durchschnittlich über fünf Jahre länger als Männer und in Deutschland sind es sechs Jahre.

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Warum Männer früher sterben

Professor Elmar Brähler von der Universität Leipzig und Leiter der Abteilung für Medizinische Psychologie und Soziologie meint, dass das Leben eines Mannes riskanter als jenes der Frau ist. Und das schon von Anbeginn an. Er nennt ein Beispiel: „Gleichzeitig mit 100 weiblichen Embryos werden 120 bis 130 männliche gezeugt. Oder gleichzeitig mit 100 Mädchen erblicken 105 Knaben das Licht der Welt. Aber schon bei den über 65-Jährigen  (ohne Kriegsgeneration) machen die Frauen 60,5 Prozent der Bevölkerung aus.“ Mehrere internationale Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen: Für die unterschiedliche Lebenserwartung von Frauen und Männer sind nur in geringem Ausmaß genetische Gründe verantwortlich. Männer setzen sich höheren Risiken aus, leben unvernünftiger und begehen viel öfter Selbstmord. Noch 1850 sei die Lebenserwartung von Männern und Frauen gleich hoch gewesen. Und ein ebenfalls sehr interessantes Ergebnis einer Studie zeigt, dass Nonnen und Mönche in Klöstern noch heute im fast gleichen Alter sterben. Riskanter Lebensstil und mehr Stress – und ein weiterer wichtiger Grund, warum Kerle heutzutage früher als Frauen das Zeitliche segnen: Sie rauchen und trinken zuviel. Der Unterschied in der Lebenserwartung ist laut einer Studie britischer Wissenschaftler bis zu 60 Prozent auf den unterschiedlichen Konsum von Nikotin und Alkohol zurückzuführen.

Funktionieren auf Knopfdruck

Professor Brähler nennt die Ursachen, warum unter anderem der Zeit- und Leistungsdruck vor allem Männern zusetzt. Er hat in seinen Studien festgestellt, dass Männer durch ihre Art des Alltags häufiger Unfälle erlitten, durch ihren Beruf mehr Gefahren ausgesetzt seien und in jedem Lebensabschnitt häufiger den Ausweg des Suizids suchten. Dazu komme laut Professor Brähler eine ungesündere, sorglosere Lebensweise des Durchschnitts-Mannes: Er trinkt mehr Alkohol, isst fettiger, raucht häufiger, geht seltener zum Arzt und nutzt deutlich weniger die Angebote zur Vorsorge-Untersuchung. „Ein Mann hält sich so lange für kerngesund, bis er tot umfällt.“ Das Robert-Koch-Institut erforschte dieses Thema im letzten Jahr und fand ähnliche Gründe für die niedrigere Lebensrate von Männern. Für viele Männer hat der eigene Körper auf Knopfdruck zu funktionieren, und zwar in Arbeitswelt und Freizeit. Männliches Denken und Handeln drehen sich immer um Effizienz. Höchstleistungen im Sport, gepaart mit ungesundem Lebensstil und fragwürdigem Gesundheitsverhalten sind die Hauptgründe für das wahrscheinlich auch deshalb so hohe Erkrankungsrisiko von Männern.

Risiko bereits mit Pubertät

Bis zum Alter von zehn Jahren liegt die Sterblichkeit bei Jungen nur geringfügig über der der Mädchen. Wenn aber mit der Geschlechtsreife das Testosteron ins Blut schießt, scheinen Männer gute Teile ihres Verstandes zu verlieren: Die Sterblichkeit schnellt in die Höhe und erreicht in der Altersgruppe der 20- bis 25-jährigen Männer einen Gipfel, der fast das Dreifache der Frauen-Mortalität in dieser Altersgruppe beträgt. Grund sind Verletzungen und Vergiftungen. Die häufigsten Todesursachen bei Jugendlichen und jungen Männern sind Unfälle und Selbsttötungen. In der Altersgruppe der 15- bis 35-jährigen Männer sind Todesfälle als Folge von Verletzungen und Vergiftungen fast viermal so häufig wie bei Frauen. Ein großer Anteil davon wäre laut Robert-Koch-Institut vermeidbar, denn bei Männern existiert ein großes Präventionspotenzial. Generell ist das Risiko von Männern, bis zum 45. Lebensjahr einen behandlungsbedürftigen Unfall zu erleiden, doppelt so groß wie bei Frauen, erst in den höheren Altersgruppen egalisieren sich die Unfallsraten bei sinkendem Risiko.

Sozialer Status wichtig

Großen Einfluss hat dabei der sozioökonomische Status in Kombination mit dem Beruf: Fast 38 Prozent der Unfälle ärmerer Männer geschehen am Arbeitsplatz, bei den wohlhabenden Männern sind es nur 20 Prozent. Das wiederum liegt daran, dass überwiegend Männer in gefahren-geneigten Berufen tätig sind: Fast 98 Prozent der Bauhandwerker sind Männer, im verarbeitenden Gewerbe liegt die Männerquote bei 86 Prozent, im Verkehr bei 84 Prozent. Im Gesundheits- und Sozialwesen sind die Männer nur zu einem Drittel repräsentiert. Aber es sind nicht nur äußere Umstände, die das Leben für Männer gefährlich machen. Es gibt auch intrinsische Faktoren. Beispiel Verkehrsunfälle: Männer sind doppelt so häufig wie Frauen an Verkehrsunfällen mit Verletzten beteiligt. Dies liegt nicht nur daran, dass Männer mehr fahren, sondern auch wie sie fahren. Von 1.000 Beteiligten an Verkehrsunfällen mit Personenschaden waren gut fünf Männer beeinträchtigt, aber nur 1,8 Frauen. Alkohol am Steuer war bei Männern fast viermal so häufig ursächlich. Überhöhte Geschwindigkeit, Drängelei, Überholfehler: bei Männern deutlich häufiger als bei Frauen.

Männer sterben, Frauen leiden

Ein weiteres erstaunliches Detail der Studie: Obwohl es objektiv den Männern schlechter geht als den Frauen – weil sie früher sterben – geht es ihnen subjektiv besser. Denn fast 75 Prozent der Männer schätzen ihre Gesundheit als gut oder sogar sehr gut ein; bei den Frauen sind es nur knapp 69 Prozent. Über gesundheitliche Einschränkungen klagen nur 27 Prozent der Männer, bei den Frauen über 33 Prozent.

An fast jeder Krankheit sterben Männer früher als Frauen. Deshalb gibt es weltweit mehr Witwen als Witwer. Ob‘s die Grippe ist oder die Lungenentzündung, ob Lungenkrebs oder Leberversagen, Diabetes oder AIDS wie auch Herzerkrankungen – Männer sterben daran früher. Die einzig bekannte statistische Ausnahme ist Alzheimer. Dass Männer früher sterben, gilt ebenso für das Tierreich. Fast überall haben hier die Männchen eine kürzere Lebenserwartung als die Weibchen: von den Rundwürmern bis zu den Primaten.

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Langsame Trendwende

Doch gleichzeitig kam man in dieser Studie zum Schluss, dass Männer aufatmen können: Denn seit Jahren steigt ihre Lebenserwartung stärker als jene der Frauen. Das Gesundheitsbewusstsein der Männer scheint stärker zuzunehmen als das der Frauen. Das schlägt sich inzwischen auch in der Lebenserwartung nieder. In den letzten 20 Jahren ist die mittlere Lebenserwartung von Männern um 3,7, die der Frauen nur um 1,5 Jahre gestiegen. Viel früher als Frauen haben Männer das Rauchen bleiben lassen. Seit 1990 geht der einst hohe Raucheranteil unter Männern zurück: von 39,5 auf 36,6 Prozent im Jahr 2009. Bei den Frauen stieg die Raucherinnen-Quote von 26,7 auf 32 Prozent im Jahr 2003, erst dann begann sie wieder zu sinken. Fast halbiert hat sich die Quote starker Raucher auf inzwischen elf Prozent, bei den Frauen sank sie nur von 9,1 auf 6,2 Prozent. Bei den Rauchern zeigt sich ebenso ein starker Einfluss von sozioökonomischem Status und Bildung: Bei den Akademikern liegt die Raucherquote zwischen zehn und 15 Prozent, bei den Handwerkern liegt sie zwischen 55 und 60 Prozent. Laut aktueller Studie der Statistik Austria hat die männliche Lebenserwartung um 2,4 Jahre zugenommen, jene der Frauen um 1,8 Jahre. Somit hat sich der Vorsprung der Frauen in der Lebenserwartung von 6,0 auf 5,3 Jahre reduziert.

Prävention wichtig?

Nach wie vor besteht bei Männern jedenfalls Nachholbedarf in Sachen Gesundheitsbewusstsein und Vorsorge – denn nur rund jeder 20. Mann nimmt die kostenlosen jährlichen Vorsorgeuntersuchungen der Krankenkassen und die Möglichkeiten zur Krebs-Früherkennung wahr. Erstaunlich ist es aber, dass beispielsweise in Spanien die Männer etwas älter als die Frauen werden. Manche Experten meinen, dass das eine Auswirkung der Mittelmeerdiät sei, denn auch italienische Männer werden älter. Aber die Japaner gehören ja nun nicht zu den Mittelmeerländern, und sie werden besonders alt und sind besonders gesund. Es gibt Fachleute, die darauf hinweisen, dass es in Spanien viel weniger Ärzte und viel weniger Krankenhausbetten gibt. Die Gesundheitsausgaben in Spanien sind ebenfalls niedriger als hierzulande – und trotzdem werden die Männer dort älter.

Zuviel Leistungsdruck

Doch Männer gehen nach wie vor zu sorglos mit ihrer Gesundheit um. Stress und intensive zeitliche Belastung in der Arbeit, Leistungsdruck in der Freizeit und zu wenig Schlaf gelten in der Männerwelt als normal. Deshalb raten die meisten Experten hier den Männern zu einem mehr ausgeglicheneren Alltag und zu etwas entspannteren Leben. Frauen tun sich hier offensichtlich noch immer etwas leichter. Verlässliche Zahlen – wie positiv sich etwa eine Partnerschaft für Männer auswirkt – gibt es nur von verwitweten Männern: Sie sind unmittelbar nach dem Verlust der Partnerin von einer hohen Sterblichkeit betroffen. Es scheint so, dass partnerschaftliches Zusammenleben allerdings für beide Geschlechter eine günstige Auswirkung auf Gesundheit und Lebenserwartung hat. Nichtsdestotrotz kann man sagen, dass sich Männer mit Hilfe ihrer Frauen ihre persönliche Lebenserwartung ein wenig aufbessern können: Verheiratete Männer leben im Durchschnitt länger als ihre bindungsunwilligen Geschlechtsgenossen. Vermutlich gewöhnen sie sich durch ihre Partnerinnen einen gesünderen Lebensstil an. Trotzdem bleibt es wahrscheinlich fraglich, ob die Männer jemals vollständig aufholen werden.

ICH BRAUCH KEINEN ARZT…

Die meisten Männer lieben ihr Auto mehr als ihre Gesundheit. Und wenn doch mal etwas zwickt, ignorieren sie es, statt auf die Signale ihres Körpers zu hören. Männer mögen keine Vorsorgeuntersuchung. Das macht sie mitunter zum schwachen Geschlecht. Knapp jeder fünfte Mann war noch nie bei einer Vorsorgeuntersuchung, lediglich sieben Prozent sprechen im Freundeskreis zumindest einmal im Monat über Männerkrankheiten. Häufig suchen sie selbst dann oft noch keinen Arzt auf, wenn sie bereits Beschwerden haben. Das gilt leider für jede Art von Beschwerden – egal, ob diese das Herz- und Kreislaufsystem, den Bewegungsapparat, die Augen, die Haut oder die Zähne – oder die Geschlechtsorgane betreffen.

ALLES EINE FRAGE VON HORMONEN?

Das Geschlechtshormon Testosteron könnte dafür verantwortlich sein, dass Männer sich oft aggressiver und risikofreudiger verhalten. Gesellschaftliche Erwartungshaltungen und nach wie vor bestehende Rollenbilder dürften aber ebenfalls einen Anteil haben. „Männer lernen früh, dass sie bestimmte Erwartungen zu erfüllen haben“, sagt der deutsche Gesundheitsforscher aus Dresden, Matthias Stiehler. Das führt unter anderem dazu, dass sie den Körper als Instrument betrachten, das zu funktionieren hat – und oft wenig pfleglich damit umgehen.

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