Fruehlingsgefuehle2

Der Unverwechselbare

„Ich will nicht berühmt sein, ich will erkannt werden.“ Ein unverwechselbarer Künstler wollte der Maler, Bildhauer und Komponist Walter Angerer der Jüngere immer sein. Das ist ihm gelungen: Mit seinen Fraßbildern und -skulpturen hat er sich bereits zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt.

Das Atelier des Künstlers in Siegsdorf bei Traunstein strahlt Gemütlichkeit aus. Die Kaffeetafel ist mit blau-weißem Geschirr einladend gedeckt. Sie steht vor einem großen Fenster, das den Blick in verwunschenes Grün freigibt. Draußen regnet es Bindfäden, die Sonne schickt nur wenig Licht ins Zimmer. „Ich mag diese Stimmung. Für mich ist es nur wichtig, dass das Licht konzentriert von einer Seite kommt“, erklärt Angerer der Jüngere. Rechts vor dem Fenster steht seine Staffelei, daneben ein Tischchen mit unzähligen Farbtuben und Pinseln. Genau so stellt sich der Laie den Arbeitsplatz eines Malers vor.

Jahrelang Partituren studiert

Den Raum links am Fenster nimmt  ein großer Flügel ein. Angerer der Jüngere hat ihn von seinem Preisgeld für den oberbayerischen Kulturpreis für Malerei, Bildhauerei und klassische Komposition erworben. Seine Arbeitstage verbringt der Künstler im Wechsel zwischen Staffelei und Klavier. Für seine Talente empfindet er tiefe Dankbarkeit. Schließlich gehört die Musik genau wie die bildende Kunst schon immer zu Angerers Leben. Mit neun Jahren spielte der gebürtige Bad Reichenhaller Zither im heimischen Musikverein, später Klarinette und Gitarre. Das Klavierspiel brachte er sich anschließend selbst bei und stellte fest, dass sich mit Hilfe dieses Instruments hervorragend komponieren lässt. „Ich habe jahrelang akribisch Partituren studiert und die verschiedenen Stimmen am Klavier ausprobiert. Ich wollte Werke für ein großes Orchester komponieren können“, erzählt er. Seine Orchesterwerke beschreibt der vielseitige Künstler als „Kompositionen zwischen Wagner und Strawinsky“. Die Sofia Symphoniker haben sie aufgeführt und auf CD eingespielt. „Ich bin den Bulgaren dankbar, dass sie mich Laien offen aufgenommen haben. Das war nicht selbstverständlich“, betont der Komponist und ergänzt stolz: „Wenn Du Musik aufschreiben kannst, ist das etwas Wunderbares.“

Menschenhaare werden zu Pflanzen

Auf dem Klavier stehen kleine Skulpturen aus Holz, die Angerer der Jüngere als Vorlage für seine berühmten großen Skulpturen aus Stahl verwendet. Auf den Schränken und Regalen liegen kleinformatige Bleistiftskizzen, Aquarelle und Radierungen. Entstanden sind sie teilweise im Urlaub am Meer, viele auch in einer seiner Lieblingsstädte, in Venedig. „Ich liebe es, mit dem Zeichenblock entspannt am Meer zu liegen oder in einem Café zu sitzen und die Menschen zu beobachten. Die Szenen, die sich vor meinen Augen abspielen, entwickele ich im Kopf weiter und ergänze sie durch surreale Elemente“, so Angerer. So küsst der Teufel eine junge Frau, eine Kuh trägt ein Piercing oder Menschenhaare gehen in Pflanzen über. „Phantastischen Realismus“ nennt Angerer die Stilrichtung, die er auf keinen Fall mit „Surrealismus“ gleichgesetzt sehen will. Der gelernte Grafiker legt Wert darauf, im Gegenständlichen zu bleiben. Überhaupt sei er der Meinung, dass ein Künstler erst lernen muss, real zu malen, bevor er abstrakt wird, betont er. „Dem Abstrakten fehlen sonst die Wurzeln, die Vorstellungskraft.“ Immer wieder sind Maskenbilder zu sehen. Masken haben es dem Maler besonders angetan. „Ich war schon immer fasziniert von dem Gedanken, was sie von der Persönlichkeit des Menschen verbergen und gleichzeitig enthüllen.“ In einem seiner zahlreichen Farbbildbände, „Der Zeit ins Gesicht“, hat er in einem Bilderzyklus über 49 surreale Masken festgehalten: bedrohlich, komisch, phantastisch.

Tiefe durch Licht und Schatten

Neben der Eingangstüre zum Atelier hängen großformatige Akte in Acryl. Leuchtendes Weiß wechselt mit dunklem Schwarz. Die Ausführung der Körper ist exakt, das Schattenspiel beeindruckend.  „Der Gegensatz von Licht und Schatten und damit die Tiefe eines Bildes sind dem Maler ungeheuer wichtig. Abgeschaut hat er diese Kunst von den Alten Meistern des 14. bis 16. Jahrhunderts. Während seiner ersten Ausbildung zum Wirtschaftsdolmetscher in Paris saß Walter Angerer oft tagelang im Louvre und studierte Dürer und Kollegen. „Wie die ein Bild zum Leuchten brachten, das ist einfach fantastisch“, schwärmt er von der Technik seiner Vorbilder. Damals wusste er noch nicht, dass er selbst einmal ein bekannter Künstler sein würde. Eines war ihm aber damals schon klar: „Wenn ich etwas mache, dann will ich es möglichst perfekt machen.“ Diese Akribie vermisst er bei manchem zeitgenössischen Kollegen und meint: „Man sollte die Museums- oder Ausstellungsbesucher nicht unterschätzen. Sie erkennen, wer etwas kann und wer sich Mühe gibt.“

Markenzeichen „Fraßtechnik“

Sehr wichtig ist Walter Angerer auch die Marke eines Künstlers. Sie bedeutet für ihn noch mehr als Ruhm und Ehre. Unverwechselbar sollte daher schon sein Künstlername sein. „Es gab bei uns zuhause viele Angerers. Deshalb haben mein großer Bruder (der Maler und Architekt Ludwig Angerer, Anm. der Redaktion) und ich uns schon sehr früh die Beinamen ‚der Ältere‘ und ‚der Jüngere‘ gegeben.“  Zu seinem „Markenzeichen“ wurde jedoch die Fraßtechnik. Auf einem Spaziergang durch die heimische Natur stieß Angerer der Jüngere auf  vom Borkenkäfer zerfressenes Holz. Diese Fraßspuren bestrich er mit Linolfarbe, nahm sie ab und entwickelte sie zu einmaligen Bildern und Skulpturen weiter. Zahlreiche Persönlichkeiten hat Angerer seither in seiner Fraßtechnik verewigt. Im Kurpark von Bad Reichenhall stehen Skulpturen von Richard Wagner und Anne Sophie Mutter. Bei einer Audienz auf dem Petersplatz überreichte er dem damaligen Papst Benedikt VI. ein Porträt, das heute in den Vatikanischen Museen hängt. Auch den Kunstsammler, Verleger und Maler Lothar-Günther Buchheim und dessen Frau malte er in der Fraßtechnik. Die Beziehungen zum gleichnamigen Museum in Bernried am Starnberger See sind seither sehr eng.

Fruchtbare Zusammenarbeit
mit Reinhold Messner

Eine künstlerisch gewachsene Verbindung pflegt Angerer der Jüngere inzwischen auch mit Extrembergsteiger, Autor und Museumsinhaber Reinhold Messner. Über einen gemeinsamen Freund lernte er den berühmten Südtiroler kennen. Vor Jahren sah Messner die Skulptur „Adams Hand“ auf dem Rauschberg bei Ruhpolding. Dort thront die sechs Meter hohe Skulptur auf dem Gipfel, dem berühmten Vorbild in der Sixtinischen Kapelle nachempfunden. Der Zeigefinger ist gen Rom gerichtet. „Wir sind bei schlechtem Wetter auf den Rauschberg rauf und ich war deswegen besorgt. Aber der Messner war begeistert von den  Nebelschwaden, die durch das Kunstwerk zogen. Er sagte nur: So was brauche ich auch“, erinnert sich Angerer. Es war der Beginn einer äußerst fruchtbaren Zusammenarbeit. Mehr als zehn Skulpturen und 20 Porträts bekannter Bergsteiger hat Messner heute in seinen insgesamt sechs Mountain Museen stehen und hängen. Die wohl spektakulärste ist der „Kaminkletterer“ beim Mountain Museum auf dem Gipfelplateau des 2.161 Meter hohen Monte Rite  zwischen Pieve di Cadore und Cortina d’Ampezzo. Die circa sieben Meter breite Stahlskulptur befindet sich zwischen zwei Bunkerwänden aus dem 1. Weltkrieg. Spektakulär war auch ihr Transport zum Museum im Jahr 2010. „Wie sie die hinaufgefahren haben, ich konnte gar nicht mehr hinschauen, das war Millimeterarbeit“, so Angerer.

Das Meisterwerk
zum 70. Geburtstag

Ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk machte Angerer Messner zum 70. Geburtstag am 17. September in Südtirol: eine Fraßtechnik-Skulptur des Extrembergsteigers. Eingearbeitet hat er in sie alles, was den Abenteurer ausmacht – von der Kette bis zu den Bergen. Genau eingefangen, hat er auch die Persönlichkeit Messners, eine wahre Meisterleistung. Angerer der Jüngere hält diese Porträt-Skulptur, für die beste, die er je gemacht hat. Umso mehr freut es ihn, dass sie Messner zeigt, der „von sich aus nie ein Eigenporträt geordert hätte“.

Ausruhen wird sich der Künstler auf diesen Lorbeeren allerdings nicht. Die nächsten Projekte stehen bereits an. Für das Stieler-Haus am Tegernsee soll er Skulpturen liefern. Die Werke des Malers der Schönheitsgalerie von Schloss Nymphenburg hat er ebenfalls bereits in der Fraßtechnik nachempfunden, kann sich diese auch als Kaffeegeschirr vorstellen. Dabei gehe es ihm nicht um den Kommerz, betont Angerer. „Es ist einfach so: Ich habe ständig so viele Ideen.“

Doris Goossens

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