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Die Werft am Königssee

Die Bootshütten an der Seelände liegen noch im morgendlichen Schatten. Die ersten Schiffe sind schon ausgerückt. Sie bringen die Gäste zur Halbinsel St. Bartholomä oder weiter nach Salet. Gebaut wurden die meisten der Boote vor Ort, in der hauseigenen Werft der Königssee-Schifffahrt. Sie ist die südlichste und höchstgelegene Schiffsbauwerft Deutschlands.

Michael Brandner ist Technischer Leiter der Königssee-Schifffahrt, seit 27 Jahren. Von seinem Bürofenster schaut er zwischen zwei Hütten hindurch auf den See. Hinter seinem Schreibtisch steht ein Funkgerät. „Bei Bartholomä schwimmt ein ordentlicher Holzstamm im Wasser“, gibt er rasch warnend an seine Mitarbeiter weiter. Würde ein Boot ihn rammen, „war’s bled“, erklärt er. Insgesamt zählt die Schifffahrt 17 Elektroboote. Sie haben Platz für maximal 85 Personen und tragen Orts- und Gipfelnamen der Region: Watzmann, Hochkalter, Berchtesgaden. In der Hochsaison, während der Sommermonate, können es pro Tag schon mal 5.500 Gäste sein, die zwischen den vier Haltestellen Königsee-Seelände, Kessel, St. Bartholomä und Salet-Obersee hin und her geschippert werden.

Jedes Schiff ist mit zwei Mitarbeitern besetzt; sie sind alle geprüfte Bootsführer. Und mindestens einer von ihnen kann Trompete spielen. An der Echowand, etwa auf halben Weg nach St. Bartholomä, wird bei jeder Fahrt gestoppt. Das Echo vom Königssee ist legendär.

Wie die Schifffahrt begann

Als Berchtesgadens 1810 zum Königreich Bayern kam, wurde das Gebiet rund um den Königssee zur Spielwiese der königlichen Hofjagd und die Sommerresidenz in St. Bartholomä zum Jagdschloss umgewidmet. Die fünf Kilometer dorthin mussten mit Ruderbooten, den „Landauern“, zurückgelegt werden. Sie waren das einzige Verkehrsmittel. Die Königsseeschiffer ruderten und ruderten und schlossen sich sogar zu einer eigenen Zunft zusammen. Ihr Zeichen: ein geschnitztes Flachboot mit zwei Rudern. Im Jahr 1872 beförderten sie 10.000 Personen über den See, 1908 sogar 78.000.

Durch die Eisenbahnverbindung kamen Anfang des 20. Jahrhunderts immer mehr Gäste an den Königssee. Auf Geheiß von Prinzregent Luitpold wurden 1909 die ersten vier Elektroboote sowie zwei mit Petroleum befeuerte Dampfmaschinenboote bestellt. Elektroboote deshalb, weil sie keinen Lärm machen und das Wild nicht verscheuchen.

Eröffnet wurde die Motorschifffahrt auf dem Königssee mit dem von der Firma Siemens-Schuckert gelieferten Elektromotorboot „Accumulator“. Es fasste 38 Personen. Bootskörper und Kajüte waren aus Mahagoni. Die Motorleistung betrug etwa 15 Pferdestärken. Die erforderliche Energie lieferte eine Bleibatterie, was bei einer Geschwindigkeit von zehn Kilometern pro Stunde einen Aktionsradius von rund 100 Kilometern ermöglichte. Bis heute verkehren auf dem Königssee ausschließlich Elektroboote. Nicht mehr wegen der Jagd und weil sie fast geräuschlos dahingleiten, sondern der Umwelt zuliebe. Der Königssee liegt schließlich mitten im Nationalpark Berchtesgaden. „Die Schiffe kommen abends rein und werden an ihre jeweilige Aufladestation angehängt. Am nächsten Morgen sind die Batterien wieder voll“, erklärt Michael Brandner.

Stahlrumpf wird zugekauft

In der Werft am Königssee werden nicht nur Reparaturen durchgeführt, sondern seit 1983 auch vollständige Neubauten errichtet. Die große Werfthalle ist das Reich von Bootsbaumeister Sebastian Maltan. Jeden Winter überholt er mit seinem Team aus Schreinern, Malern und Elektrikern mindestens ein Schiff der Flotte von Grund auf.

Komplett neu gebaut hat er zuletzt die „Maria Alm“, drei Jahre ist das her. Während die älteren Königssee-Schiffe komplett aus Holz bestehen, werden heute Stahlrümpfe von der Lux-Werft in Bonn hinzugekauft. Zum einen mache eine Holzbeplankung sehr viel Arbeit und halte maximal 35 Jahre, so der Bootsbaumeister. Zum anderen werde aufgrund der milden Winter die Fahrsaison immer länger. Voll-Holzschiffe müssen für eine lange Lebensdauer aber mindestens drei Monate an Land, um vollständig auszutrocknen. Stahl ist da einfach stabiler, praktischer. Gleich ist seit jeher die Form des Schiffes: 20 Meter lang aber nur 3,50 Meter breit. Dass kommt daher, weil früher die Boote mit der Eisenbahn angeliefert wurden, auf Fuhrwerke verladen und durch die engen Gassen Königssees transportiert werden mussten. Breiter hätten sie nicht durchgepasst. Bis ein neues Boot aus den Händen Sebastian Maltans und mit allen Auf- und Ausbauten zu Wasser gelassen werden kann, braucht es rund zwölf Monate.

Weil’s mei Heimat is

Mit etwa 90 Mitarbeitern ist die Schifffahrt Königssee ein bedeutender Arbeitgeber der Gemeinde Schönau am Königssee. Michael Brandner kann sich nicht vorstellen, irgendwo auf der Welt bei einer anderen Schifffahrt zu arbeiten. Schon als Kind ist er mit seinem Vater auf dem Landauer gefahren. Die Flachboote werden heute hauptsächlich zum Almauf- und Almabtrieb eingesetzt. Dann kommt das Vieh in den Genuss einer Bootstour. Hin und wieder paddelt Michael Brandauer auch noch selbst. Die Technik will gelernt sein. Wer sie nicht beherrscht, dreht sich mit dem Schiff im Kreis. Er deutet aus seinem Bürofenster hinaus. Wenn man dahinten ums Falkensteineck fährt, dann werde es schlagartig ruhig, sagt er. „Der Königssee is mei Heimat, mei Beruf. Er is für mi genauso sche wie für die Gäst. Er is allweil was B’sonderes.“

Kathrin Thoma-Bregar

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