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Die Zeiten stehen auf wild

Auf der Nockherberg-Bühne ist er Markus Söder, im echten Leben muss Stephan Zinner nicht viel lügen. Im Interview verrät er, warum es manchmal besser wäre zu duschen, dass ihn Tatort nervt und was ihn auf die Palme bringt.

Stephan Zinner sei der bessere Markus Söder, liest man. Seit zehn Jahren gibt er den Bayerischen Staatsminister beim Politiker-Derblecken auf dem Nockherberg. Er ist der absolute Publikumsliebling. In Tenormanier schmettert er beim Singspiel „Oh Söder mio, wie scharf bist du…“. Er wirft sich heulend Ministerpräsident Horst Seehofer an die Brust. Er fränkelt, er rumpelt, er rockt.

Ohne Maske und Perücke ist keine Ähnlichkeit mehr da zwischen Original und Double. Optisch verbindet Stephan Zinner und Markus Söder nichts, vielleicht ihre große, kräftige Statur. Und sein politisches Kreuz macht Zinner sowieso woanders, das ist kein Geheimnis.

Zum Interview mit der BAYERIN erscheint der 41-jährige gebürtige Trostberger in lässigen Jeans, weitem Hemd, ausgebeulter Strickjacke, Sneakers und dicker Strickmütze auf dem kahlen Kopf. Sein Bart ist älter als drei Tage, das schwedische Auto eine Familienkutsche und vollbepackt mit Bühnenequipment. Am Abend tritt Stephan Zinner auf der Reichenhaller Kleinkunstbühne Magazin4 mit seinem dritten Soloprogramm auf. Auch wenn die Rolle des Söder an ihm haftet, Zinner ist ein vielseitiger Künstler, er ist Schauspieler, Kabarettist und Musiker. Und er ist völlig allürenfrei. Er ist der Typ sympathischer Kumpel von nebenan. Man meint ihn ewig zu kennen. Seinem Interviewpartner holt er umsorgend was zu trinken, kein einziges Mal schaut er auf die Uhr. Nur ans Telefon geht er zwischendurch, Regisseur Markus H. Rosenmüller ist dran, wird aber auf später vertröstet.

Die Bayerin: Dein Programm heute Abend heißt „Wilde Zeiten“. Auf Deiner Homepage schreibst Du: Die Menschen streben, wenn man den Umfragen glauben darf, nach Ruhe, Ausgeglichenheit, Entspanntheit, einer perfekten Work-Life-Balance etc., führen sich aber auf wie wildgewordene Vollpfosten. Sind das Deine täglichen Erfahrungen?

Stephan Zinner: Ja, ich finde oft passt was nicht zusammen: Chillen und Freizeit auf der einen Seite und das Verhalten im Alltag. Ich stelle eher eine gewisse Grundanspannung bei den Menschen fest. Aber als Kabarettist nehme ich skurrile Szenen wahrscheinlich viel eher wahr, nicht weil ich was sehen will, sondern weil ich davon lebe.

Wenn zum Beispiel ein nicht mehr ganz austrainierter Herr in den Münchner Isarauen aus der Hecke springt, sich ohne Vorwarnung die Klamotten vom Leib reißt und sich breitbeinig nur einen halben Meter entfernt von der brotmachenden Familie in den Kies legt, um sich den Leder-Teint noch weiter zu veröden und mit kehliger Stimme flüstert: „Hier is fei für Nackte“?

Das ist mir wirklich passiert, ich muss in meinem Programm nicht viel lügen. Heute bin ich zum Beispiel im Biomarkt gestanden und da ist einer direkt und verschwitzt von seiner Joggingrunde zum Einkaufen gekommen. Ich dachte mir ‚Was muffelt da so’? Man stinkt also auch, wenn man sich von Biogemüse ernährt, das fand ich lustig. Vielleicht baue ich das mal ein. Und ehrlich: Ich würde das nicht machen, ich würde vorher duschen. Das macht man doch, oder?

Was machst Du im Biomarkt, überzeugt davon?

Nein, ich mische eher durch. Aber bei meinem Metzger war so viel los und dann bin ich da vorbeigekommen. Zufall.

Was erwartet die Zuschauer bei Dir?

Ein lustiger und unterhaltsamer Abend. Ich erzähle, was mir passiert und spiele ein paar Lieder, vielleicht lese ich auch noch was vor. Ich mag kein Zeigefinger-Kabarett und wenn ein Programm so bestimmend ist. Aber natürlich versuche ich, den Leuten ein bisschen meine Sicht der Dinge unterzujubeln.

Du bist ausgebildeter Schauspieler, warst am Salzburger Landestheater, bei den Münchner Kammerspielen und stehst natürlich auch vor der Kamera. War das schon als Kind Dein Traumberuf?

Der 100-prozentige Plan war es nicht. Ich habe zwar an der Schule in Trostberg Theater und Gitarre gespielt, aber nach der FOS wollte ich nicht studieren. Ich weiß noch, ich bin im Berufsinformationszentrum gesessen und habe gesagt: Drucken Sie mir mal Schauspielschule aus, dann hat der Berater das gemacht, dann bin ich genommen worden, dann hatte ich Glück und bin in Salzburg reingekommen und es lief. 

Und Deine Eltern haben Juhu geschrien?

Nein das nicht, aber man muss ihnen zugutehalten: Sie haben schnell gemerkt, dass das eine Chance für mich ist, Geld zu verdienen und mich unterstützt. Es hätte ja auch schlimmer kommen können. Der Kommentar meines Vaters, als sie mich das erste Mal auf der Bühne gesehen haben: Hat sich’s ja rentiert.

Die Rollen, die Du vor der Kamera spielst, sind oft bayerisch derb wie der Metzger Simmerl in Dampfnudelblues oder leiser, subtiler wie im Tatort Der traurige König?

Es ist schon meiner Statur und meiner Frisur geschuldet, dass ich öfter den Pöbler von rechts hinten spiele. Dieses Schubladen-Denken ist schon sehr typisch deutsch, das gibt’s in anderen Ländern nicht so. Aber ich fahre da ganz gut mit und leide nicht drunter.

Apropos Tatort: Schaust Du die an?

Nein, mir gehen diese ganzen Fernsehkommissare auf den Senkel, ich kann’s nicht mehr sehen, dass alle Nase lang einer stirbt. Nichts gegen einen guten, spannenden Detektivfilm, aber diese Struktur, dass jede größere Kreisstadt jetzt ein Tatort-Team hat und das sofort bewertet wird – vorher, hinterher, währenddessen. Ich finde das einen totalen Krampf.

Schaust Du überhaupt fern?

Ja, Fußball, ich bin sehr einfach gestrickt. Ich bin ein Bayer, der Vater ist Löwe, was zu gewissen familiären Spannungen führen kann.

Shoppen war 2006 Dein erster Kinofilm. Wäre Speed Dating für Dich jemals infrage gekommen oder hattest Du das nie nötig?

Für mich wäre das nichts, ich könnte das gar nicht ernst nehmen und Frauen, die auf meiner Wellenlänge sind, würden das auch sofort merken. Außerdem habe ich ja schon lange eine, ich bin fast 17 Jahre verheiratet. Aber den Film finde ich immer noch großartig. Das waren gute Schauspieler und Dialoge und ohne großes Budget ist was Tolles dabei rausgekommen.

Auf dem Nockherberg bist Du Markus Söder, diese Rolle hat Dich bekannt gemacht. Ist das manchmal lästig?

Nein, das nervt mich nicht, auch wenn vor allem auf dem Land viele in meine Vorstellungen kommen, weil sie sagen ‚Ah, des is der, der den Söder macht, den schau’n mir uns o’ und nicht, weil sie typische Kabarett-Besucher sind.

Verfolgst Du alles, was Söder macht ganz genau, das ganze Jahr über? Oder wie bereitet man sich als Double vor?

Nein, mich interessiert Politik nicht mehr und nicht weniger als jeden anderen auch. Ich verfolge die Figur nicht, um Input zu bekommen. Dafür reicht die Probenzeit und den Text bekomme ich ja sowieso geliefert. Allerdings ist Markus Söder keine Person, die den Medien aus dem Weg geht, man trifft also zwangsweise öfter auf ihn.

Schmeichelt es, der bessere Söder zu sein?

Ich weiß immer noch nicht ganz genau, was das eigentlich bedeuten soll. Da muss ich noch überlegen…

Aber Du würdest Dich schon als politischen Menschen bezeichnen?

Absolut. Ich habe drei Kinder, da ist man zwangsläufig Abläufen ausgesetzt, die politisch sind. Aber ich engagiere mich nicht, das ist ein Spiel, das ich nicht spielen mag. Was mich auf die Palme bringt, ist zum Beispiel, wenn sich Seehofer mit Viktor Orbán trifft. So was verstehe ich nicht. Es ist gar nicht die Tatsache, dass er sich mit ihm trifft, Diplomatie ist ja wichtig, aber dann kann man doch nicht so Geburtstagsfeier-Fotos mit Schulterklopfen bringen. Hat der denn keine Berater?

Kriegst Du in München was mit von der aktuellen Flüchtlingssituation?

Man kann zum Bahnhof nicht mehr links abbiegen. Soll heißen: Wenn man dem aus dem Weg gehen will, ist das ganz einfach. Auf dem Land ist das wahrscheinlich nicht so einfach und die ganzen Ehrenamtlichen sind sicher stark am Anschlag. 

Du lebst in München, kommst gebürtig aus Trostberg. Bist Du noch oft in Deiner Heimat?

Für den, der die geheimen Hotspots nicht kennt – die es natürlich gibt – ist Trostberg wahrscheinlich eher unattraktiv. Aber ich komme schon öfter, vor allem im Sommer. Das Schwimmbad ist toll, die Kinder sind gerne bei der Oma und ich lese demnächst wieder in meinem Lieblingslokal der „Stiege“, zusammen mit Markus Rosenmüller.

Du bist dreifacher Familienvater, eher die strengere Sorte oder eher locker?

Wenn es gelingt, dann die Mischung. Meine Frau ist Ärztin und wir teilen uns Erziehung und Haushalt. Wenn sie operiert, koche ich, wenn ich drehe, kauft sie ein. Ich finde unseren Weg ganz gut, beide haben ihren Beruf, beide kümmern sich.

Kathrin Thoma-Bregar

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