Bettinamittendorfer7

„Eine ganz große Nummer“

Bettina Mittendorfer begeistert seit Jahren als Charakterdarstellerin.

Der Durchbruch als Schauspielerin kam für Bettina Mittendorfer 2011. Sie spielte die  Maria Brandner in der Telefonsex-Komödie  „Eine ganz heiße Nummer“. Für ihre schauspielerische Leistung erhielt sie den Bayerischen Filmpreis – der allerdings längst überfällig war. Denn die am 24. September 1970 in Bad Griesbach geborene Schauspielerin war alles andere als eine Newcomerin, sondern blickt auf eine lange, beeindruckende Karriere als Charakterdarstellerin zurück.

Schauspielerin zu werden, war für die Niederbayerin zunächst nur eine Vision. Nach dem Realschulabschluss machte Bettina Mittendorfer ganz bodenständig eine Ausbildung zur Floristin. Nach der Lehre und dem Fachabitur  in Passau war ihr klar: Das konnte noch nicht alles gewesen sein. Sie bewarb sich an verschiedenen Schauspielschulen und hatte Erfolg. An der renommierten Otto-Falckenberg-Schule in München erhielt sie von  1992 bis 1995 eine solide Schauspielausbildung. Bereits während des Studiums spielte die Jungdarstellerin ihre erste Hauptrolle am Münchner Volkstheater und hatte kleine Filmrollen.

Zwischen 2002 und 2010 brachte sie zwölf beeindruckende Soloprogramme auf die Bühne: „Die andere Heilige Nacht“ von Ludwig Thoma, „Weibsbilder“ von Oskar Maria Graf,  „Ein Kind“ von Thomas Bernhard oder „Lena Christ – Erinnerungen einer Überflüssigen“ sind nur einige davon. Der erste größere Film-erfolg kam im Sommer 2010. Unter der Regie von Marcus H. Rosenmüller stand Bettina Mittendorfer in der Kino-Komödie „Sommer in Orange“ als Frau Bürgermeister vor der Kamera.  Wie so oft spielte sie eine Frau, die das Herz am richtigen Fleck hat. Im Herbst des gleichen Jahres folgte dann der Drehstart zu Markus Gollers „Eine ganz heiße Nummer“. Seither geht es Schlag auf Schlag. Zu den aktuelleren Projekten der Schauspielerin zählen der Fernsehfilm „Hattinger – Der Chiemseekrimi“, der im Sommer 2012  in ihrer derzeitigen Heimat, dem Chiemgau, entstand, und die Rolle als Sekretärin in den „Garmisch Cops“.

Zum Interview in einem Traunsteiner Café erscheint Bettina Mittendorfer leicht erkältet, aber bei bester Laune. Obwohl sie bis Mitternacht in Garmisch Partenkirchen geprobt hat, ist sie hellwach.

Bettina, ein Zeitfenster für einen Interviewtermin mit dir ist nicht leicht zu bekommen.

Ja, ich komme gerade von den Proben zu „Lumpazivagabundus“.  Wir haben bis zum 24. September zehn Aufführungen beim Kultursommer in Garmisch Partenkirchen. Ich spiele die Fee Amorosa, die Beschützerin der wahren Liebe. Besonders schön ist es, gemeinsam mit Marianne Sägebrecht auf der Bühne zu stehen. Es ist meine erste Zusammenarbeit mit ihr. Sie ist eine wahre Seele von Mensch.

Musst du dich nach deinem Erfolg mit „Eine ganz heiße Nummer“ noch um Rollen bewerben?

Es macht keinen Sinn, sich für ein Casting zu bewerben, denn ein Caster bekommt am Tag bestimmt 20 Unterlagen. Die einzige Chance für einen Schauspieler ist, dass ein Caster auf ihn aufmerksam wird, und das dauert in der Regel. Ich habe auch erst seit „Eine ganz heiße Nummer“ eine gute Agentin, vorher wollte mich keiner. Die sucht aber auch nicht aktiv Rollen für mich. Regisseure und Caster kommen auf sie zu und fragen, welche Schauspieler sie im Angebot hat. Der Schauspieler selbst wird so gut wie nie angesprochen.

Das heißt, du hattest vor dem Riesenerfolg von „Eine ganz heiße Nummer“ auch Durststrecken? 

Nach der Trennung von meinem Mann 2006 wurde ich alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und musste jeden Cent umdrehen. Durststrecken gab es eigentlich bis zum Film „Sommer in Orange“ 2010. Beim Vorbereiten meiner Dankesrede für den Bayerischen Filmpreis lief das alles nochmal vor meinem geistigen Auge ab. Mir wurde ganz schwindlig.

Kam während dieser Zeit nie der Gedanke auf, wieder als Floristin zu arbeiten oder einen anderen „bodenständigen“ Beruf auszuüben?

Ich habe mir oft Gedanken gemacht, was ich sonst noch machen könnte. Ein wichtiger Mensch war und ist mein großer Bruder, zwei Jahre älter als ich. Er hat immer gesagt: „Du bist so gut, irgendwann entdecken sie dich. Halte durch, wenn es eng wird, leihe ich dir Geld.“ Ich habe mich oft bei ihm bedankt, dass er nicht gesagt hat: „Du hast Kinder, schau, dass du dir einen sicheren Job suchst.“ Wenn man anfängt zu zweifeln, ist das schlecht. Die Energie für das Spiel geht weg.

Er ist heute bestimmt sehr stolz auf dich.

Ja. Er  war auch dabei, als ich den Bayerischen Filmpreis bekommen habe.

Wie hat sich deine Karriere entwickelt?

2006 hat mich Regisseur Matthias Kiefersauer mit meinem Soloprogramm „Lena Christ – Erinnerungen einer Überflüssigen“ gesehen und mich für seinen Film „Der große Hobeditzn“ geholt. Hier hat mich die Casterin
Franziska Aigner gesehen und gebeten, dass ich ihr alles zuschicke, was ich gemacht habe. So kamen peu a peu immer größere Rollen und 2011 dann „Eine ganz heiße Nummer“.

Du hast seither mit prominenten Schauspielern wie Tobias Moretti in „Mobbing“, Ottfried Fischer in „Pfarrer Braun“ oder Senta Berger in „Unter Verdacht“ gespielt. Sind das „ganz normale Kollegen“?

Ja, denn inzwischen habe ich ja selbst schon viel Erfahrung. Klar, eine Senta Berger kennenzulernen, diese tolle Frau, das ist eine Bereicherung.

Hast du es jetzt geschafft?

Ich bin mir sicher, dass ich den steinigsten Weg hinter mir habe. Ich habe jetzt viel mehr Selbstbewusstsein und bin seit 2011 noch einmal wesentlich professioneller geworden, weil ich nach der „Ganz heißen Nummer“ sehr viel gedreht habe. Ich kann jetzt besser mit Stress umgehen und brauche nicht mehr ständig Bestätigung. Jetzt weiß ich, der Regisseur ist viel beschäftigt und hat keine Zeit, mir dauernd Aufmerksamkeit zu geben. Das hat nichts mit mir zu tun. Trotzdem: Ein Künstler kann sich nie sicher sein, wie es weiter geht. Es werden vielleicht fünf bayerische Filme im Jahr gedreht. Und da kann ich nicht davon ausgehen, dass ich immer dabei bin. Auch die TV-Produktionen werden weniger.

Du machst dir also manchmal trotz Erfolg noch Sorgen?

Nein, denn ich weiß, dass immer was geht. Ich bin zum Beispiel noch viel kreativer geworden und weiß, dass ich gute Theaterprogramme machen kann. Mit der Schauspielerin Barbara Dorsch und dem Musiker Markus Schlesack plane ich gerade ein neues Programm für 2015. Auch kann ich mir vorstellen, ein Drehbuch zu schreiben, wenn ich Zeit habe.

Dazu gehört wohl auch Ehrgeiz?

Ich bin sehr ehrgeizig. Sonst hätte ich mich auch nicht durchgebissen. Obwohl es mir inzwischen auf andere Dinge ankommt als vor 20 Jahren. Ich bin nicht mehr so perfektionistisch.

Du kannst also auch entspannen?

Klar. Entspannung ist für mich, einfach im Bett liegen.

Bist du in deinen Rollen auf die praktische, bodenständige Bayerin festgelegt?

Ich bin offen für alles, auch für Kompromisse.  Und auch nicht auf die Bayerin festgelegt. Mein Hochdeutsch wird immer besser (lächelt). Auch in Österreich kann ich natürlich spielen. Was ich mir nicht vorstellen kann, ist festes Mitglied in einem Ensemble zu sein und keine verschiedenen Dinge mehr machen zu können.

Würdest du für eine Rolle aus Bayern weggehen?

Ich bin sehr gerne in den Bergen, obwohl ich Niederbayerin bin. Aber ich würde für eine Rolle zum Beispiel auch nach Hamburg gehen. Heimat ist dort, wo man liebt und geliebt wird.

Wer ist das in erster Linie für dich?

Meine Kinder. Sie schauen übrigens meine Filme nicht an. Der Jüngere höchstens mal eine Szene, in der ich vorkomme. Der Ältere hätte es, glaube ich, lieber, wenn ich einen „normalen“ Beruf hätte.

Wer ist dir sonst noch wichtig?

Früher war ich Einzelkämpferin, aber in den letzten Jahren habe ich so viele für mich wichtige Menschen kennengelernt. Es tut gut, wenn ich nur ein paar Telefonate machen muss und dann weiß ich, die machen das. Ich habe auch einen Coach, diesen Austausch finde ich ganz wichtig. Ich bin einfach gerne mit „echten“ Künstlern zusammen. Angerer der Jüngere  (siehe Bericht in dieser Ausgabe) oder Paul Zauner (österreichischer Jazzposaunist und Musikproduzent, Anm. der Redaktion) sind für mich Menschen, die etwas Bleibendes schaffen, mehr als mancher Promischauspieler.

Die obligatorische Frage: Gibt es einen schauspielerischen Traum?

Ich würde gerne mal in einem klassischen Liebesfilm die Hauptrolle spielen, Pretty Woman oder so, das wäre was!

Was meinst du: Wird der Traum wahr?

Bei einer Sommerakademie wurden wir Jungschauspieler einmal gebeten, den Filmpreis zu überreichen. Ich war die einzige, die abgelehnt hat. Ich wollte den Filmpreis nicht überreichen, ich wollte ihn kriegen. Etliche Jahre später habe ich ihn bekommen. Du musst Visionen und Vertrauen haben.

Doris Goossens

Alle Beiträge aus Gesellschaft & Kultur


Facebook Icon