Es gibt nur eins im Leben: Mitmenschlichkeit

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Es gibt nur eins im Leben: Mitmenschlichkeit

„Grüße aus Fukushima“ ist ein Film übers Leiden, das sich nicht lohnt, weil es dem Leben im Weg steht. Bei der Kinoprämiere im Reichenhaller Park-Kino redet Hauptdarstellerin Rosalie Thomass über Sorgsamkeit, grünen Tee, Charakterstudien im Bioladen und was im Leben zählt. 
Ein Artikel von Kathrin Thoma-Bregar
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Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Die Babykugel ist nicht zu übersehen. Im Sommer bekommt Rosalie Thomass ihr erstes Kind. Eine ganz neue Rolle für die 28-jährige bayerische Schauspielerin, die auf Leinwand und Bildschirm dauerpräsent ist. Wo sie auftaucht jubeln Publikum und Kritiker, ob in der Mundart-Komödie „Eine ganz heiße Nummer“, ob in Marcus H. Rosenmüllers Trilogie über das Erwachsenwerden, „Beste Zeit“, „Beste Gegend“, „Beste Chance“ oder im Drama „Das Leben ist nichts für Feiglinge“. In ihrem neuesten Film spielt Rosalie Thomass eine junge deutsche Frau, die vor ihren zerplatzen Lebensträumen flieht. Um sich selbst zu trösten, will sie anderen helfen – ausgerechnet in Fukushima, wo vor fünf Jahre ein Erdbeben eine nukleare Katastrophe verursacht hat. Das Leben von 170.000 Menschen wurde von einem Moment auf den nächsten zerstört. „Grüße aus Fukushima“ von Star-Regisseurin Doris Dörrie zeigt das Leben neben der verbotenen Zone.

Sie waren sechs Wochen zum Drehen in Japan und zwar nicht an irgendeinem Set, sondern an den Originalschauplätzen, in einem der realen Containerdörfer und mitten in einer Landschaft, die bis auf abertausende schwarzer Plastiksäcke voll verstrahlter Erde verlassen scheint.

thomass2Das stimmt. Sogar das Haus, unser Hauptmotiv, ist echt und circa elf Kilometer vom zerstörten Kernkraftwerk entfernt. Allerdings wurde es einmal komplett ausgeräumt, der ganze Staub und Müll wurde beseitigt. Vorher hat man alles fotografiert und dann bis ins Detail nachkonstruiert.

Hatten Sie niemals Bedenken?

Wir waren alle ziemlich angstbefreit, weil wir einfach sehr, sehr gut informiert waren. Keiner von uns wäre dort hingefahren, wenn auch nur der Hauch einer Gefahr bestanden hätte. Wir hatten allerdings immer einen Geigerzähler dabei – auch wenn die Sperrzone heuer freigegeben wurde und offiziell als unverstrahlt gilt – und sind jetzt Profis in Sachen Mikrosievert, Millisievert und Becquerel.

Welche Eindrücke haben Sie aus Japan mitgenommen?

Ich kann nicht sagen, ob meine Eindrücke vor allem mit Japan zusammenhängen oder mit der sehr, sehr speziellen Region, in der wir uns aufgehalten haben. Die anderen Gebiete habe ich ja nicht kennengelernt. Was mir sehr gefallen hat – und das ist vielleicht typisch japanisch: Manieren sind ungeheuer wichtig. Und alles, was die Menschen machen, machen sie ausgesprochen sorgfältig. Beim Essen wird beispielsweise alles in schönen kleinen und hübsch angerichteten Schälchen serviert. Tee wird nicht einfach nur getrunken, er wird genossen, Schluck für Schluck. Auch im menschlichen Miteinander ist man sehr sorgsam und das finde ich was ganz Tolles.

Ertappen Sie sich dabei, dass Sie Ihren eigenen Frühstückstisch jetzt anders decken oder Dinge bewusster tun?

Nein, aber nur weil ich schon vorher nicht völlig weit davon weg war.

Aber Sie trinken lieber Kaffee als Tee?

thomass3Ich mag tatsächlich keinen grünen Tee. Ich habe bei diesen Teezeremonie-Szenen immer gefragt, ob man denn die Tasse und den Inhalt überhaupt sieht und ob man nicht was anderes reintun kann, weil ich den Geschmack wirklich überhaupt nicht mag.

Zigtausende Menschen in Fukushima haben alles verloren, ihr Hab und Gut, Familie und Freunde, von einem Moment auf den anderen. Was denken Sie, wie würden Sie mit so einer Katastrophe umgehen?

Ich käme nie auf die Idee, mich das zu fragen, vielleicht bin ich da zu schicksalgläubig. Ich beschäftige mich generell ganz wenig damit, was alles Schlimmes passieren könnte. Stattdessen denke ich mir lieber, was Schönes geschehen kann, weil eine positive Einstellung die richtigen Ideen freisetzt. Außerdem kann man sich das ganze Ausmaß von so viel Leid in der Theorie sowieso nie vorstellen.

Derzeit leben weltweit viele Menschen in „Notunterkünften“, auch bei uns. Hat sich durch den Film Ihr Blick auf die aktuelle Flüchtlingssituation verändert?

Meine Einstellung ist die gleiche wie vorher. Der Film erzählt eine Geschichte, die uns daran erinnern soll, worum es im Leben eigentlich geht und das kann nur eins sein: dass wir mitmenschlich sind. Wir müssen liebevoll und großzügig miteinander sein. Die Frauen in Fukushima, die seit Jahren in diesen Notunterkünften leben und dort wahrscheinlich auch nie wieder rauskommen, die einfach nichts mehr haben, schaffen es sich gegenseitig zu stärken und zu trösten. Es gibt übrigens Menschen, die zahlen noch die Kredite für Häuser, die gar nicht mehr stehen.

Sie waren in den letzten Jahren sehr präsent auf der Leinwand, haben in vielen Filmen mitgespielt. Für Ihre Rolle in „Grüße aus Fukushima“ wurden Sie sogar mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet. Ist der Film für Sie etwas Besonderes? 

Ja, der Film ist was sehr, sehr Besonderes für mich. Man bekommt als Schauspielerin nicht oft die Chance, einen Film durch seine Rolle so tragen zu dürfen.

Sie haben neben der Schule im Bioladen gejobbt. Ein guter Ort, um schräge Charaktertypen zu studieren?

Waren Sie schon mal im Bioladen?

Ab und zu.

Da kaufen total verrückte Leute ein. Ich kann nicht im Detail erzählen, was mir alles passiert ist, vielleicht lesen das die Leute, das fällt quasi unter die Schweigepflicht, aber ich war echt beeindruckt. In einem Biomarkt ist das nicht wie im Supermarkt, man geht nicht schnell durch, packt seine Sachen in den Wagen, zahlt und geht wieder. In einem Bioladen öffnet sich ein anderer Raum und es ist ok, wenn man beispielsweise stundenlang über seine Allergien und Unverträglichkeiten erzählt. Bioladen-Kunden brauchen viel Aufmerksamkeit.

Sie sind in München geboren, haben zwischendrin in Berlin gelebt und sind jetzt wieder zurückgekehrt. Warum?

thomass4Ich habe die Berge vermisst, das ist ganz einfach. Man kann in Berlin so weit aus der Stadt rausfahren wie man will, Berge gibt es da einfach nicht.

Ab Sommer sind Sie in einer ganz neuen Rolle gefragt, als Mutter. Werden Sie sich eine Auszeit nehmen?


Ich habe wie immer gar keine Pläne. Damit bin ich bis jetzt so gut gefahren, das mache ich nicht anders, nur weil ich schwanger bin. Ich schaue, was auf mich zukommt, wie es wird und wie es dann weitergeht.

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