Ein Clown zum Trösten

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Ein Clown zum Trösten

Es gibt Momente im Leben, da ist einem nicht nach Lachen zumute. Und wenn es um Krankheit und Tod geht, schon gar nicht. Dabei hilft Humor, er ist die beste Medizin.

Ein Artikel von Kathrin Thoma-Bregar

Im Auto hat sie immer eine rote Nase griffbereit, wegen der Raser, Drängler und Nörgler. „Die setze ich auf, wenn einer zu dicht auffährt. Oder wenn jemand in meine Richtung schimpft. Das wirkt immer, jeder fängt zum Grinsen an.“ Dr. Birgit Krause-Michel ist Internistin, Ärztin für Psychotherapie und Palliativmedizin und Ethikberaterin. Sie bietet Trauerbegleitung an und sie ist ein Clown, ein therapeutischer Clown.

Ein Clown darf alles

An diesem Herbstnachmittag leuchten ihr modischer gelber Pulli und der gelbe Schal mit der Sonne um die Wette, selbst die farbige Armbanduhr verströmt Fröhlichkeit. Ihre Praxis hat Birgit Krause-Michel direkt in der Fußgängerzone von Bad Reichenhall. Durch die geöffneten Fenster dringen Straßencafè-Geräusche in den zweiten Stock hinauf. Tassen klimpern, Menschen lachen. Die Medizinerin schenkt Wasser ein und legt einen Schokoladenriegel dazu.

Wie kommt es, dass eine Medizinerin zum Clown wird? „In jedem von uns steckt ein Clown und sein kindliches Gespür für das Hier und Jetzt, für den Augenblick. Ein Clown ist naiv, er staunt über alles und er kennt keine Tabus.“ Ein Tabu wie den Tod etwa. Als Ärztin war Birgit Krause-Michel täglich damit konfrontiert, weniger als Internistin, mehr als Palliativmedizinerin.

DSC08070_bearbeitet-1„Zu einem Internisten schauen die Patienten auf, man fühlt sich fast allmächtig und möchte alle heilen. In der Palliativmedizin ist der Tod unumgänglich, Aufgabe ist es, den Patienten zu begleiten, ihm Schmerzen und Angst zu lindern. Man begreift, dass der Patient nicht nur Körper ist, sondern auch Seele und Geist“, sagt sie. Lehrstühle für Palliativmedizin gibt es in Deutschland erst seit den 1990er-Jahren.

Zum Clown wurde Birgit Krause-Michel durch Zufall, sie nennt es die dritte Ebene: Von der Allmacht zur Ohnmacht und schließlich zur Macht des Lächelns. Die Ärztin war zur Trauerbegleitung-Ausbildung in Bonn, als Kollegen sich über therapeutische Clowns unterhielten. Sie war sofort begeistert – sie, die immer auf der Suche nach neuen Wegen ist. Wenn sie dabei auch noch eingefahrene Spuren verlassen darf, umso besser und als Clown darf Birgit Krause-Michel fast alles.

Lachen hilft

„Schon alleine meine rote Nase. Wenn ich die aufhabe, werde ich ganz anders wahrgenommen, nicht als heiliger Arzt, der irgendwo oben schwebt, sondern als ein Verbündeter auf Augenhöhe“, erzählt sie. Sie wollte schon immer, dass bei Visiten gelacht wird, dass jeder Patient mindestens einmal lächelt. Das ist erwiesenermaßen gesund. Je länger und je intensiver, desto besser. Lachen bremst die Produktion von Stresshormonen und schüttet stattdessen verstärkt das Glückshormon Serotonin aus.

Wenn Birgit Krause-Michel im Altenheim Demenz-
patienten besucht, darf es etwas mehr Kostüm sein, als nur eine rote Nase. „Die Damen und Herren lieben es sehr, wenn ich mich schönmache, wenn ich Zöpfe trage, eine kleine Blume im Knopfloch habe oder einen bunten Luftballon. Sie haben einen Blick fürs Detail. Da werden frühe Erinnerungen wach, einen Clown erkennt jeder wieder“, erklärt sie. Mit viel Sensibilität gelingt es ihr, nicht nur die Patienten zum Lachen zu bringen, sie gibt ihnen auch ein Gefühl von Nähe. „Ältere Menschen mögen oft nicht trinken. Sie sollten es aber und werden ständig dazu angehalten. In meiner Clown-Rolle bin ich auf ihrer Seite und wir überlegen gemeinsam, in welchem Blumentopf wir das Wasser gießen sollen.“

Als Clown kann sie auch über Krankheiten ganz anders sprechen. Nicht wie ein Arzt, der stets kompetent sein und Lösungen an-bieten muss. Was nicht heißt, dass sie blödelt oder albert. „Es braucht ein Gespür, wie viel Humor der Patient vertragen kann. Wenn jemand seinen künstlichen Darmausgang beispielsweise selbst als Fiat-Auspuff bezeichnet, dann darf ich auch so reden.“

In Birgit Krause-Michels Praxis liegt auf dem Tisch neben dem Wasserglas und dem Schokoriegel ein Geschenk von der Schwiegertochter, ein Buch: „Clown. Die Lust am Scheitern“. Die Ärztin lächelt. „Ich bin sogar im ersten Anlauf der Clowns-Ausbildung gescheitert. Es hieß, ich hätte keinen inneren Clown. Zumindest konnte ihn meine Lehrerin nicht sehen“. Scheitern gehört also zum Clownsein dazu, genauso wie das Tabubrechen. Was die Ärztin an ihm am meisten schätzt? Dass er auch in schlimmen Situationen noch den hellen Moment findet. Und den gibt es immer, sagt Birgit Krause-Michel.

Lachen kann helfen, wenn heilen nicht mehr möglich ist.

Seit rund 20 Jahren besuchen Clowns große und kleine Patienten in Deutschlands Krankenhäusern. Sie bringen Leichtigkeit, muntern auf, stärken Hoffnung und Lebensmut. Es gibt verschiedene Initiativen, Stiftungen und Vereine. Der Dachverband Clowns in Medizin und Pflege Deutschland e.V. ist die bundesweite Vernetzung gemeinnütziger Vereine, die Clownsbesuche in Krankenhäusern, Seniorenheimen und therapeutischen Einrichtungen organisieren. Die Arbeit wird durch Spenden finanziert. www.dachverband-clowns.de

Dr. Eckart von Hirschhausen, Mediziner, Kabarettist, Comedian und Schriftsteller hat 2008 die Stiftung HUMOR HILFT HEILEN ins Leben gerufen. Sie ist mit Projekten und Aktivitäten bundesweit vertreten. www.humorhilftheilen.de

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