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Im Banne der Wunderbeere aus dem Moor

Goldener Oktober im Schönramer Filz: Die Bäume leuchten in feurigen Tönen. Milde Herbstsonne legt einen silbrigen Glanz über die Heide. Ich sitze entspannt auf einer niedrigen langen Polsterbank und greife mit beiden Händen in die Cranberry-Stauden. Große, purpurrote Beeren mit Lichtreflexen rollen wie Perlen durch meine Finger. Schnell füllt sich mein Sammelgefäß.
Ein Artikel von Veronika Mergenthal

_MG_2666Cranberries im Schönramer Filz mitten im Rupertiwinkel, in der Gemeinde Petting? Kommen die nicht aus Amerika? Stimmt, aber bei Schönram installierte die Technische Universität (TU) München 1970 auf ehemaligen Torfabbauflächen im Moor ein Cranberry-Versuchsfeld – übrigens die einzige Cranberry-Plantage in Bayern, und auch deutschlandweit ist dem Agrarwissenschaftler Dr. Michael Bannert (44) nur eine zweite Plantage in der Lüneburger Heide bekannt. Vor zehn Jahren übernahm der Bischofswieser die 3.000 Quadratmeter vom Forstingenieur Hans Fiedler, der mit 90 aus Altersgründen aufhören wollte.

Eigentlich fing alles mit einem Walnussbaum bei Rosenheim an: In Bannerts Zeit als Assistent am Lehrstuhl für Obstbau in Weihenstephan „entführte“ ihn Hermann Schimmelpfennig, einer der Gründerväter der Cranberry-Plantage, aus dem Labor und suchte mit ihm wertvolle Genotypen für die Walnusszüchtung. Zum Abschluss zeigte er ihm das Versuchsfeld bei Schönram. Anfangs war Bannert von der sauren Beere wenig begeistert: Roh mundete sie nicht, und über die Zubereitung wusste er nicht viel.

Im Laufe der Zeit fand er Gefallen an den Cranberries, deren Heilkraft schon die Indianer schätzten. „Mich faszinieren vor allem die Inhaltsstoffe und die medizinische Wirkung. Seit ich die Plantage betreibe und die Früchte in der Saison jeden Tag esse, war ich nie mehr krank“, erzählt der 44-Jährige. Seine Erkenntnisse und Nachforschungen fasste er in einem Buch mit dem Titel „Die Cranberry“ zusammen, das er 2014 im Eigenverlag herausgab und das bereits vergriffen ist.

Mittlerweile wurden Bannert zufolge etwa 150 verschiedene Inhaltsstoffe in der Cranberry gefunden. Seit jeher wird ihr antibiotische Wirkung bei Blasenentzündung zugeschrieben. Dank ihrer stark antioxidativen Stoffe kann sie auch die Zahngesundheit und die Immunkräfte stärken, Gefäßablagerungen auflösen und zum Schutz vor Zivilisationskrankheiten wie Krebs beitragen.

In der Plantage wachsen 17 Cranberry-Sorten. „Es hat sich aber herausgestellt, dass nur fünf zuverlässig reifen“, erklärt der Agrarwissenschaftler. Sobald die Nachtfröste einsetzen, gehen die Beeren kaputt. Darum züchtet er neue, früh reifende Sorten, ein langjähriger Prozess. Darüber hinaus kultiviert Bannert in dem Versuchsfeld 18 Sorten Kultur-heidelbeeren, Aronia-Beeren, aus denen in Kooperation mit der Kelterei Greimel auch Aronia-Apfelsaft entsteht, und Tannen.

Für den Plantage-Inhaber ist die Cranberry-Pflanzung ein Beispiel für nachhaltige Landbewirtschaftung. Da sie, einmal etabliert, weder Düngung noch chemischen Pflanzenschutz brauche, stehe sie als Lebensraum voll den Insekten zur Verfügung. Wenn die Cranberry Mitte Juni blühe, sei sie eine „Pollen- und Nektaroase“ für viele moorspezifische Arten.

„Die Cranberry ist optimal an das Klima der bayerischen Alpen und Voralpen angepasst und eine Bereicherung für jeden Hausgarten“, ermutigt Bannert auch Gartenbesitzer, sich an die Pflanzung heranzu-wagen. Eine zehn Zentimeter tiefe Bodenschicht speziell sauer aufzubereiten genügt, da die Cranberry sehr flach wurzelt. Übersanden des Bodens tut der Beere gut.

Wie lässt sich nun die Cranberry verkochen? Am einfachsten ist es, Marmelade zu kochen. Da die Beeren relativ „trocken“ sind, aber viel Pektin zum Gelieren enthalten, gebe ich beim Eigenversuch nach Bannerts Empfehlung zu 500 Gramm Beeren 200 Gramm Wasser und 200 Gramm normalen Zucker zu. Ich koche Früchte und Wasser auf, bis die Beeren mit einem lauten „Plopp“ platzen, schütte den Zucker in den Topf, koche die Masse fünf Minuten und püriere sie mit einem Power-Mixer – fertig ist der herrlich cremige Fruchtaufstrich, perfekt auch zum Einrühren in Quark oder Joghurt. Ebenso sicher gelingt Cranberry-Apfelmus._MG_2657

Auch die Freilassinger Ernährungsberaterin Ramona Steiner teilt gerne über ihre Homepage (www.ramonasteiner.de) Rezepte wie Cranberry-Blaukraut oder eine zu Wild bestens mundende Cranberry-Orangen-Soße, weil sie die gesundheitsfördernde Beere selbst sehr schätzt.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, wie die Anregungen der Chieminger Hauswirtschafterin Andrea Mayer zur Verwendung der Cranberry in der bayerischen Küche beweisen. Sie verfeinert mit den Beeren Kürbissuppe, Käsekuchen, Sauerbraten, eine pikante Füllung für Putenrouladen oder eine Kartoffelpanade für Zanderfilets. Bei so vielen kulinarischen Ideen läuft mir das Wasser im Munde zusammen. Höchste Zeit, dass ich mich mit meinen übrigen Beeren, die sich kühl und dunkel lange lagern lassen, in der Küche verbunkere – und koche, backe und… genieße!

Cranberry-Rotkohl

Zutaten: 500 g Rotkohl, 1 Zwiebel, 1 EL Rapsöl, 200 ml Apfelsaft, 120 g Cranberries, Wacholderbeeren, 1 Prise Piment, 1 Prise Zimt, 1 EL Honig, Salz, Pfeffer

Zubereitung: Rotkohl in feine Streifen hobeln. Zwiebel klein schneiden. Zwiebel mit dem Rapsöl in einer Pfanne glasig dünsten. Rotkohl dazugeben und mit andünsten. Mit Apfelsaft aufgießen. Wacholderbeeren, Salz und Pfeffer dazugeben und 40 Min. bei mittlerer Hitze köcheln lassen. Cranberries, Piment und Zimt dazugeben und weitere 15 Min. mitdünsten lassen. Am besten zu Wild- oder Kartoffelgerichten servieren.

Cranberry-Soße mit Orangensaft und Ingwer zu Wildgerichten

Zutaten: 250 g Cranberries, 1 Orange, 50 g Honig, 100 ml Portwein oder Wasser, 1 Msp. frischen Ingwer

Zubereitung: Orange auspressen und in einen Topf geben. Wasser bzw. Portwein, Honig, Ingwer und Cranberries dazug-eben und 10 Min. bei mittlerer Hitze einkochen. Falls die Masse zu dick wird, Orangensaft oder Portwein nachgießen. Wer die Soße gerne zu Wildgerichten isst, kann sie auch mit Chili oder Cayennepfeffer würzen.

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Von der Staatsstraße 2103 nach Laufen zweigt im Moor kurz nach Schönram (unmittelbar vor dem Moorerlebnispfad) rechts ein Waldweg zur Plantage ab. Von Herbstanfang bis Ende Oktober, bei mildem Herbst auch länger, kann man an trockenen Tagen von 12 bis 17 Uhr Cranberries pflücken und erwerben. Frisch geschlagene Tannenzweige und Obstverarbeitungsprodukte, wie Bannerts Haferkekse mit getrockneten Cranberries, gibt es in der Plantage an den Wochenenden 24. bis 26. November und 15. bis 17. Dezember. Aktuelle Infos unter www.frutifux.de.

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