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In Bayern dahoam. In der Welt zu Hause.

Das ist die Geschichte von Malermeister Matthias Nicolai Kurzmaier und einer Lederhose, die um den Globus reiste. Und zum Symbol für Heimat und Herzlichkeit wurde.
Ein Artikel von Kathrin Thoma-Bregar
Foto: Kathrin Thoma-Bregar

Foto: Kathrin Thoma-Bregar

Die Jahre sind nicht spurlos an ihr vorübergegangen. Früher war das weiche Hirschleder ganz dunkel, fast schwarz. Jetzt erinnert es an gesprenkeltes Schokokaramell. Die Lederhose ist ein Unikat, hergestellt 1948 im oberbayerischen Hausham. Es war eine der ersten Hosen von Säckler-Meister Fritz Lichtenauer. „Mein Vater hat sie einem Musikspezel abgekauft, weil sie dem nicht richtig passte“, erzählt Matthias Kurzmaier. Seitdem ist das Kleidungsstück in Familienbesitz.
Und eigentlich viel mehr als eine Lederhose. Eher ein guter, alter Freund, ein Begleiter durch Höhen und Tiefen. Vater Georg Kurzmaier hat sie fast 50 Jahre getragen, auf Geburtstagen, zu Hochzeiten, auf der Jagd und auf dem Oktoberfest. Als am 26. September 1980 am Haupteingang der Wiesn eine Rohrbombe in die Luft geht und 13 Menschen tötet, entkommen die Kurzmaiers nur knapp. „Ich musste noch mal zur Toilette. Das war unsere Rettung“, erzählt der 75-Jährige. Mutter Elfriede bekommt bei der Erinnerung auch nach so vielen Jahren noch eine Gänsehaut. Zum 18. Geburtstag hat der Vater seine Lederhose an den Sohn weitergegeben.

Lederhose öffnet Türen
Ein Jahr drauf ging für Matthias das große Reisen los. Zuerst nach Australien. Es folgten Florida, Kalifornien, Südafrika, Singapur, Bangkok, Kambodscha, Israel und die arabische Welt. In New York glaubten die Leute, er macht Promotion für eine Oktoberfest-Party. Am Ocean Drive in Miami ist Matthias in der Lederhose einfach in einen angesagten Nachtclub marschiert. Alle anderen in kurzen Hosen mussten draußen bleiben. „Kleider machen Leute, das stimmt tatsächlich“, erfährt er immer wieder, egal wo. „Die Menschen haben überall positiv reagiert, eine Lederhose kennt man einfach. Sie steht für alpenländische Kultur und die ist sehr beliebt. Nicht nur wegen des Biers“, sagt Matthias. Er weiß auch, dass ihm ohne das typisch bayerische Kleidungsstück bei weitem nicht diese Sympathie entgegengebracht worden wäre. „Vom Typ her bin ich sehr dunkel, ich würde auch als Pakistani oder Inder durchgehen und ich glaube nicht, dass man die in ihrer Landestracht auch so offen empfangen hätte.“

Beim Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Beim Bundespräsidenten Joachim Gauck.

Familienerweiterung
So gern Matthias Kurzmaier die Welt auch erkundet, so sehr ist er in der bayerischen Heimat mit all ihren Bräuchen und Festen und Traditionen verwurzelt. An diesem warmen Frühlingsmorgen in Haag in Oberbayern schaut er schnell auf einen Sprung bei den Eltern rein. Der Frühstückstisch ist noch gedeckt. Der zwölfjährige Rüde Xaverl döst auf dem Sofa. Im Garten zwitschern die Vögel gegeneinander an. Woanders zu leben käme für Matthias nicht infrage. „Ich bin gerne in der Welt zu Hause, aber in Bayern dahoam.“ Und heißt Fremde bei sich willkommen. Als im November 2015 junge, männliche Flüchtlinge aus Eritrea gleich neben seinem Elternhaus einquartiert wurden, herrschte im Ortsteil Winden Skepsis, Angst und Abneigung. Es gab eine große Bürgerversammlung, bei der Matthias aufstand und Verantwortung übernahm.
„Seitdem bin ich so was wie der ehrenamtliche Asylbeauftragte von Winden“, sagt er. Und seine Mutter scherzt, sie habe auf einen Schlag 16 Söhne dazubekommen. Von Anfang an unterstützen ihn die Eltern und bringen gleich am ersten Tag Kaffee und Kuchen in die Unterkunft. „Die Jungs waren traumatisiert und ängstlich und froh über menschliche Zuwendung“, sagt Elfriede mitfühlend. Einen der Jungs, Michael, hat Matthias in seinem Betrieb als Lehrling eingestellt. Dass der junge Eritreer nicht abgeschoben wurde, grenzt an ein Wunder. Viele Wochen haben die Kurzmaiers gebangt, bis der 26-Jährige endlich einen deutschen Aufenthaltstitel für Arbeit bekam. Für sein Engagement wurde Matthias im Sommer vor zwei Jahren vom damaligen deutschen Bundespräsidenten Joachim Gauck ins Schloss Bellevue geladen. Er fuhr in der Lederhose nach Berlin. Michael aus Eritrea war auch dabei. Ein ganz besonderes Erlebnis, für beide. Mittlerweile sind viele Menschen aus der Region im Haager Helferkreis „Eritreer Haus“ engagiert.

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Flott in Tracht: Georg und Matthias Kurzmaier mit Xaverl.

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Ausstellung zum 40. Geburtstag mit dem Titel „Die Farbe ich“

San-Francisco

Bayerisch gestylt für einen Opernabend in San Francisco.

Gespür für Farben
Als Kind hat Matthias jede freie Minute gemalt und gezeichnet. Mit sieben hat er anschauliche Zirkuswelten gezeichnet, mit dreizehn detailgetreue Straßenzüge, mit 14 mittelalterliche Stadtansichten. Er wollte Bühnenbildner werden, absolvierte Praktika beim Nationaltheater in München und beim ZDF. Dort riet man ihm, vorher eine Lehre als Schreiner oder Maler zu machen, also lernte er Maler in Wasserburg. Während des Zivildienstes ging er in die Kunsttherapie und ließ sich in Italien zum Designmaler ausbilden. Mit der Meisterprüfung in der Tasche machte sich Matthias 2004 selbstständig. Zu seinen Kunden gehören Haubenlokale, Sternehotels und Prominenz aus Wirtschaft und Öffentlichkeit zwischen Chiemsee und Starnberger See. Namen darf er nicht nennen, aber für Aufträge wurde er schon nach Korsika und Portugal eingeflogen. Man schätzt sein Gefühl für Farbe, Ausdruck und Atmosphäre. Sein Flüchtlingsengagement findet allerdings nicht überall Anklang. „Es gibt Kunden, die mich nicht mehr beauftragen, seitdem ich Michi beschäftige. Und es gibt andere, die mich sehr unterstützen, von denen ich es gar nicht erwartet hätte“, sagt er.

Alt geht, neu kommt
Seinen 40. Geburtstag hat Matthias Kurzmaier gerade mit einer großen Ausstellung gefeiert. Die Mutter hatte all die Jahre seine Bilder gesammelt, den „Schuhplattler“, den „Safarizug“, die „Küchenhexe“ und „Naked“. Der Ausstellungstitel: „Die Farbe ich“. Freunde zimmerten ihm ein besonderes Geschenk: einen Glaskasten aus Holz für die alte Lederhose. Die geht jetzt nämlich in Rente. Eine neue ist schon beauftragt, in Hausham. Sie soll wieder genauso aussehen. Diesmal fertigt sie Friederike Lichtenauer-Heil. Es ist die 70-jährige Tochter des bereits verstorbenen Säckler-Meisters Fritz Lichtenauer. Für ihn war es eine der ersten Lederhosen, für seine Tochter wird es die letzte sein. Sie will sich zur Ruhe setzen. Matthias hat noch viel vor, seine neue Lederhose darf sich freuen.

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Fotos: Privat/Matthias Kurzmaier; Kathrin Thoma-Bregar
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