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Ledernes Beinkleid

Ein Bayer, der was auf sich hält, trägt Lederhos’n. Keine von der Stange, sondern handgefertigt und bestickt vom Säckler. Aus Hirsch- oder Gamsleder, in kurz oder knielang.
Zwischenüberschrift

Engelbert Aigner Jun. geht vor seinem Kunden auf die Knie, das Maßband in der Hand. Sorgfältig nimmt er Waden-, Taillenbreite und Beinlänge und trägt alles in sein Buch ein. Der Kunde hat sich für eine knielange Lederhose mit Plattstickerei entschieden. Bis er die das erste Mal tragen kann, wird allerdings ein Jahr vergehen. So lange sind die Wartezeiten bei Lederhosen Aigner in Berchtesgaden. Nicht anders schaut es beim Kollegen Franz Stangassinger ein paar Häuser weiter aus. Bayernweit gibt es nur noch zwölf Lederhosenmacher oder Säckler, wie der Handwerksberuf auch genannt wird.

Von der Arbeitshose zum
Prestigeobjekt

Leder ist ein äußerst strapazierfähiges Material und wird seit Jahrhunderten für Hosen verarbeitet. Als die kurze Lederhose im Laufe des 19. Jahrhunderts mehr und mehr durch Loden verdrängt wurde, ging ein Lehrer in Bayrischzell auf die Barrikaden. Er beklagte ihr Verschwinden, gründete den ersten Trachtenverein und ließ sich beim Säckler Lederhosen anfertigen. Die Kirche erklärte das für sittenwidrig, war aber nicht auf die Trachtenleidenschaft des Königshauses gefasst. Die Wittelsbacher waren begeistert von der Idee einer bayrischen Volkstracht und erließen 1853 eine entsprechende Verordnung zur Wahrung der Landestrachten. Überall entstanden Trachtenvereine, sogar in München. Die hauptsächlich zu Schauzwecken getragenen Lederhosen wurden immer üppiger mit Ornamenten verziert. Jeder Verein kreierte seinen eigenen Stil. Mit dem Aufkommen des Alpentourismus nach dem ersten Weltkrieg wurde die Lederhose immer populärer, als Freizeithose für Sommerfrischler.

In ländlich geprägten Regionen wie dem Oberallgäu, dem südlichen Chiemgau und dem Berchtesgadener Land ist die Lederhose immer noch Alltagskleidung und wird nicht nur von den Mitgliedern der Trachtenvereine getragen. Gut für die Auftragsbücher der Säckler.

Kurz oder lang

Die Lederhose ist in zwei Formen weit verbreitet, als Kurze und als Kniebundhose. Während die kurzen, kniefreien Lederhosen bei der Arbeit getragen werden, ist die Kniebundhose eher eine Festtagshose. Typisch für Trachtenlederhosen sind die Bestickung und der Hosenlatz, das Hosentürl. Woher die Kniebundlederkose kommt, erkennt der Kenner an der Arschnaht. Im Bereich Ostbayern, dem Salzburger Raum, Tirol und Oberösterreich wird sie oft als Tellernaht tellerartig über das Gesäß ausgeführt. Im Allgäu, der Steiermark und Kärnten verläuft diese Naht meist senkrecht. Oft wird zur Lederhose noch ein federkielbestickter Ranzen, eine Art breiter Gürtel getragen, wo früher das Geld reingesteckt wurde. Rechts seitlich ist an der Lederhose üblicherweise eine Messertasche angebracht.

Die Kunst ist die Stickerei

Bis zu 30 Arbeitsstunden stecken in einer handgefertigten Lederhose aus feinstem Hirsch- oder Gamsleder. Sie wird ihren zukünftigen Trägern direkt auf den Leib geschneidert. Mit viel Liebe zum Detail und in bis zu 50 Stunden Handarbeit. Und was, wenn der Kunde zwischen Maßnehmen und Anfertigung ordentlich zu- oder abgenommen hat? Kein Problem, sagt Engelbert Aigner Jun., bevor es an die Herstellung geht, werden die Maße kontrolliert. Bis zu 50 Lederstreifen stecken in einer Hose. Die überlieferten Muster zeichnet Engelbert mit Gummilösung und Entenfeder vor und übergibt sie dann seinen Mitarbeiterinnen. „Das ist eine schwierige Arbeit und gute Stickerinnen sind rar.“ Er selbst schneidet am liebsten ganz zum Schluss die Nähte zurecht, das ist sozusagen Chefsache.

So eine Lederhose ist nicht nur schick, sie ist auch nachhaltig. Weil Leder so strapazierfähig ist, hält sie oft ein Leben lang. Allerdings hat die Qualitätsarbeit ihren Preis: Bis zu 2.500 Euro kann eine handgefertigte Lederhose kosten.

Kathrin Thoma-Bregar

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