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Mitleid ist keine Hilfe

Matthias Facharani ist Tierarzt. Einmal im Jahr reist er für den Verein RespekTiere nach Mauretanien, dort behandelt er kostenlos Esel. Vielen kann er helfen, doch das Leid bleibt groß.
 Ein Artikel von Kathrin Thoma-Bregar
Fotos: Verein RespekTiere

Fotos: Verein RespekTiere

Im Wartezimmer seiner Praxis hängt ein Bild. Es zeigt die Arche Noah, vollbeladen mit Tieren, nur mit Tieren. Menschen stehen am Ufer. Darunter der Satz: „Dieses Mal ohne Euch“. Aus der Arche schauen auch Esel hervor. „Eselchen“, sagt Dr. Matthias Facharani, wenn er von ihnen spricht. Der 54-jährige Tierarzt liebt Esel, schon immer. „Ich konnte es früher schon nicht ertragen, wie sie behandelt und geschlagen wurden.“ Facharani wuchs die ersten Kindheitsjahre in Ägypten und Jordanien auf, wo Esel Arbeitstiere sind. Seine deutsche Mutter arbeitete als Lehrerin am Goethe-Institut in Alexandrien, sein ägyptischer Vater als Archäologe. Als das Leben in dem afrikanischen Land immer gefährlicher wurde, ging die Mutter mit den beiden Söhnen zurück nach Deutschland. Sein Bruder wurde Humanmediziner. Matthias Facharani studierte Tiermedizin in Berlin, promovierte in München und ließ sich zusätzlich in Tropenveterinärmedizin ausbilden.

lasteneselKarton statt Heu und Stroh
Seit 17 Jahren hat er eine Tierarztpraxis in Bayerisch Gmain im Berchtesgadener Land. Auf dem Anmeldetresen liegt Mozart-Pralinen-Schokolade zum Verkauf. Der Erlös aus dem Schokoladenverkauf geht zu 100 Prozent an Esel in Mauretanien, ein Projekt des österreichischen Vereins RespekTiere. Seit 2012 unterstützt Matthias Facharani die Initiative. Im Tierschutz ist er schon viel länger tätig, aber was er im westafrikanischen Mauretanien zu sehen bekommt, ist schlimm.
Die ehemalige französische Kolonie ist rund drei Mal so groß wie Deutschland, sie besteht fast nur aus Wüste. Mauretanien ist eines der ärmsten Länder der Erde und wo es Menschen schlecht geht, leiden auch die Tiere. In der Hauptstadt Nouakchott verrichten an die 100.000 Arbeitsesel ihren Dienst. Fast die gesamte Wirtschaft findet auf ihren Rücken statt.
Esel sind zäh, sie können körperliche Höchstleistungen vollbringen – und das ist ihr Verhängnis, sagt Matthias Facharani. „Ein Eselchen muss Karren mit 500 Kilogramm ziehen, nicht selten sogar das Doppelte. Und das jeden Tag bei Temperaturen, die im Sommer bei über 45 Grad liegen.“ Als Lohn beziehen die Tiere Prügel, ihre Körper sind mit Schlägen übersät, die Hufe durch den trockenen, sandigen Untergrund abgerieben. Gefüttert werden die Esel mit zerschnittenem Karton. „Ich dachte immer, es gibt so etwas wie Mitleid im Menschen. Aber seit meinen Reisen nach Mauretanien glaube ich das nicht mehr. Armut ist furchtbar. Aber Armut rechtfertigt keine Tierquälerei“, sagt Matthias Facharani.

Radiospot zitiert Allah
Seit 2005 engagiert sich RespekTiere in Mauretanien. Das gesamte Projekt wird aus Spendengeldern finanziert. Einmal im Jahr begleitet Matthias Facharani den Vorsitzenden des Vereins, Thomas Putzgruber, nach Mauretanien. Schon Wochen im Vorfeld besorgen sie notwendige Medikamente und Instrumente. Manches kriegen sie von den Firmen zu vergünstigten Konditionen. Air France gestattet ihnen 55 Kilogramm Freigepäck.
Vor Ort unterstützen sie das einheimische Team, bestehend aus einem Tierarzt und drei angelernten Helfern, wovon einer eine zusätzliche Hufschmiedausbildung
erhielt. Zusätzlich zu diesen vier Leuten finanziert
RespekTiere einen Kontrolleur, der das Team überwacht und regelmäßig Berichte nach Österreich schickt.
Jeden Tag klappern sie in Nouakchott die öffentlichen Wasserstellen ab, an denen sich die arme Bevölkerungsschicht ihre Kanister füllt. Dort kümmern sich die Helfer um die Tiere und versuchen gleichzeitig die Halter aufzuklären. Sie haben sogar einen Radiospot initiiert. Der Slogan zitiert eine Stelle aus dem Koran: Wer Gnade am Tier übt, an dem wird Allah Gnade üben.
Matthias Facharani kommen bei der Arbeit seine Arabischkenntnisse zugute. „Ich kann den Menschen dort auf Augenhöhe begegnen, das hilft sehr“, sagt er. Bis zu 1.100 Esel werden monatlich durch RespekTiere behandelt. Ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber so viel besser als nichts. „Natürlich ist es furchtbar, was man dort sieht. Aber Mitleid hilft den Tieren nicht. Man muss etwas tun und ich habe große Freude daran“, sagt Facharani.

esel_kleinerTierhilfe zieht weitere Kreise
Von dem Eselhilfsprojekt profitieren mittlerweile auch arbeitslose Näherinnen aus dem Armenviertel von Nouakchott. Sie werden dafür bezahlt, Eselhalfter herzustellen, die dann an die Tierbesitzer verteilt werden. Statt mit Stockhieben können sie ihre Esel mit dem Halfter lenken. So haben die Tiere deutlich weniger Verletzungen am Hals.
Das Eselhilfsprojekt in Mauretanien wurde von der Hans Rönn Stiftung mit dem „Tierschutznobelpreis“, und von Tasso mit dem 2. Platz der „Goldenen Pfote“ ausgezeichnet.
Außerdem erhielt es in Österreich den Tierschutzpreis. „Leider sind wir keine NGO, wir haben keinerlei Rechte im Land. Man könnte unsere Arbeit jederzeit verbieten. Aber unser langfristiges Ziel ist es, eine feste Klinik aufzubauen, das würde unsere Hilfe stark vorantreiben“, sagt Matthias Facharani und ist hoffnungsvoll.
„Esel machen nicht immer das, was der Mensch von ihnen will. Und der ist so arrogant und nennt sie des-wegen dumm. Dabei sind Eselchen überhaupt nicht dumm. Im Gegenteil.“

Die Eselhilfe von RespekTiere ist nur dank Spenden möglich. Das deutsche Spendenkonto ist bei der Volksbank RB eingerichtet:
BIC: GENODEF1BGL IBAN: DE43 7109 0000 0000 2159 61.
Infos: www.respektiere.at

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