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Natur geht vor

Er ist Deutschlands einziger Alpennationalpark. Vor 40 Jahren wurde er gegründet – nicht ganz ohne Widerstand aus der Bevölkerung. Längst genießt der Nationalpark Berchtesgaden eine hohe Akzeptanz. Und zieht jährlich 1,6 Millionen Besucher an. Fluch oder Segen?
Ein Artikel von Kathrin Thoma-Bregar

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Ein prachtvoller Herbstnachmittag. Der Himmel föhnblau, die Bergwälder knallbunt, T-Shirt-Wetter mitten im Oktober. Keine Spur mehr vom ersten Wintereinbruch der vergangenen Woche. Nur den Watzmanngipfel und seine prominenten Nachbarn ziert noch zartes Weiß. Der Parkplatz am Königssee ist voll. Nicht überfüllt wie in den zurückliegenden Sommermonaten, aber immer noch strömen Gästescharen herbei. Mit den Elektrobooten schippern sie über den sieben Kilometer langen See nach St. Bartholomä oder weiter ans südliche Ende nach Salet. Wer in der Warteschlange an der Anlegestelle steht, braucht Geduld.

Aber es lohnt sich: Stopp an der weltberühmten Echowand. Blick in die imposante Watzmann Ostwand. Und als Kulisse eine Gebirgslandschaft vom Feinsten.

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Der Königssee liegt großteils im Nationalpark Berchtesgaden. Hier hat 1910 quasi alles angefangen, mit dem „Pflanzenschonbezirk Berchtesgadener Alpen“, aus dem 1921 das „Naturschutzgebiet Königssee“ wurde. Als in den 1960ern die Debatte um eine Seilbahn auf den Watzmann immer hitziger wurde, schmissen sich Naturschützer ins Zeug. Mit Erfolg. Der 1. August 1978 ist die Geburtsstunde des Nationalparks Berchtesgaden. Und das Aus für alle Erschließungspläne. Die Nationalparkfläche umfasst 210 Quadratkilometer und betrifft die Gemeinden Schönau am Königssee, Ramsau und Berchtesgaden. Die Landschaftsform ist hochgebirgig. Das Markenzeichen: Der Höhengradient von über 2100 Metern reicht vom Grund des Königssees bis hinauf zum Gipfel des Watzmanns. Die Ziele: Schutz der gesamten Natur nach dem Motto: „Natur Natur sein lassen“, Forschung, Umweltbildung, Öffentlichkeitsarbeit, aber auch Erholung.

Auf der Speisekarte der ersten konstituierenden Sitzung des Nationalpark-Beirates stand damals übrigens Schildkrötensuppe. Ausgerechnet! Ein kleiner Fauxpas auf dem langen, steinigen

Weg zu Deutschlands Vorzeige-Nationalpark. So sehr der auch bei Naturschützern und Teilen der Politik willkommen war, die lokale Bevölkerung lehnte ihn ab. Schließlich sollte auf erheblichen Flächen wieder ursprüngliche Naturlandschaft entstehen. Berg- und Almbauern waren alarmiert. Wanderer und Berggeher fürchteten Einschränkungen und gesperrte Natur.

Wie viel Mensch verträgt die Natur?Hängebrücke-im-Klausbachtal_kl
40 Jahre nach seiner Gründung sind die Erfolge des Nationalparks unübersehbar. Der Bergmischwald hat sich seinen Lebensraum zurückerobert. In der Naturverjüngung wachsen neben Fichte und Buche auch Bergahorn, Birke, Vogelbeere, Esche, Linde. Die Anzahl junger Tannen hat sich in den vergangenen 15 Jahren verdreifacht. Der Nationalpark Berchtesgaden ist einer der größten Arbeitgeber in der Region. Eine groß angelegte Studie der Universität Würzburg belegt, dass die Einheimischen heute hinter ihm stehen. Für Gäste ist er das touristische Highlight der Region. Über eineinhalb Millionen Menschen besuchen das Schutz-gebiet Jahr für Jahr. Parkplätze sind überfüllt, Berghütten komplett ausgebucht, nicht nur an den Wochenenden. Das stellt die Nationalparkverwaltung vor ganz neue Herausforderungen. Wie lassen sich Naturschutz und Erholung weiterhin vereinbaren? Das Nationalparkgebiet ist über drei Haupttäler erreichbar: über das Klausbachtal, das Wimbachtal und den Königssee, wobei die große Mehrheit der Urlauber hier gezählt wird. Jochen Grab ist Ranger-Leiter beim Nationalpark Berchtesgaden.

ESRI_-_Ranger_KinderDas Problem sei gar nicht so sehr die Masse an Gästen, sagt er. „Wir haben ein gut durchdachtes Besucherlenkungssystem und pflegen unser 260 Kilo-meter langes Hauptwegenetz sehr gut. Das hält die Wanderer davon ab, querfeldein und in die Fläche zu gehen.“ Wesentlich schwerer unter Kontrolle zu bringen seien beispielsweise Drohnen. Schon seit längerer Zeit schwer angesagt. „Fast täglich müssen wir die Leute darauf aufmerksam machen, dass sie verboten sind. Die meisten Besucher zeigen sich einsichtig, nur einige wenige machen Ärger“, sagt Jochen Grab, dessen Team 15 Ranger zählt. Die dürfen Personalien aufnehmen und Platzverweise erteilen, aber keine Bußgelder erheben. „Wir setzen sowieso in erster Linie auf Kommunikation und Information“, so Grab. „Wenn aber keinerlei Einsicht zur Rücksichtnahme besteht, wird Anzeige erstattet“.

Blick-auf-den-Königssee_HerbstAnsturm auf Fotopoints
Drohnen, Mountainbiker oder nicht angeleinte Hunde sind bekannte Probleme. Relativ neu sind Blogger, Influencer und YouTuber auf der Suche nach Foto-Hotspots. Unter dem Hashtag #naturalinfinitypool und #königssee finden sich in den Social Media Kanälen unzählige Posts vom Königssee-Wasserfall und seinen Gumpen. Plötzlich will jeder dorthin, um genau dort Bilder von sich selbst zu machen. Das ist eine ganz eigene Klientel, die da angezogen wird, weiß Nationalpark-Pressesprecherin Carolin Scheiter. „Diese Hotspots liegen meist in schwer zugänglichem Gelände, das bergsteigerisches Können erfordert. Und es sind sehr sensible Zonen, was Flora und Fauna angeht. Wenn dort alles niedergetrampelt wird, wenn die Leute haufenweise Müll hinterlassen, verbotenerweise biwakieren und sich auch noch in Gefahr bringen, weil sie ohne Ausrüstung und in Sommerschühchen unterwegs sind, werden wir irgendwann handeln müssen“, schildert sie. Temporäre Betretungsverbote wären denkbar, um die Natur vor allem in den empfindlichen Wachstumszeiten zu schützen.

An der Seelände des Königssees wird es ruhiger. Die Sonne hat sich hinter den Bergrücken zurückgezogen. Im Schatten ist es kühl. Boote bringen die letzten Gäste von St. Bartholomä zurück. Hektischer Trubel hat sich gelegt. Jetzt ist es am schönsten.

NP-BGD_-_SteinadlerWissenswertes:
Der älteste Baum des Nationalparks Berchtesgaden (Zirbe) ist 800 Jahre alt, die älteste Lärche 630 Jahre und die älteste Fichte 520 Jahre. Weltbekannte Ausflugsziele im Nationalpark sind Watzmann und Königssee. Es gibt 20 bestoßene Almen in der Pflegezone und 70 aufgelassene Almen im Park. Die Ausgaben für den Wegeunterhalt belaufen sich pro Jahr auf ca. 400.000 bis 600.000 Euro. Der Nationalpark Berchtesgaden ist der zweitälteste Nationalpark Deutschlands, Grundbesitzer ist der Freistaat Bayern. Das Nationalparkzentrum ist das „Haus der Berge“ in Berchtesgaden, weitere Informationsstellen gibt es am Hintersee, in St. Bartholomä, in Engert, auf Kühroint und bei der Wimbachbrücke.

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