hoehenangst

Schluss mit Höhenangst

Es wäre der perfekte Tag. Sonnenschein, klare Sicht, frische Bergluft. Wäre da nicht so ein flaues Gefühl. Die Aussicht auf steile Abhänge, Trittleitern, Stahlseile und ausgesetzte Gipfelgrate schreckt viele Menschen vom Berggehen ab. Achim Haug weiß, was man tun kann, gegen die Angst vor der Höhe.
Ein Artikel von Kathrin Thoma-Bregar
Fotos: Kathrin Thoma-Bregar

Fotos: Kathrin Thoma-Bregar

Achim Haug ist Bergwanderführer und Sport-Mentalcoach. Und strahlt eine unglaubliche Ruhe aus. In langsamen und gleichmäßigen Schritten geht er voraus. Eine gut ausgebaute Forststraße hat uns die letzte Dreiviertelstunde durch den Wald bergan geführt. Kurz vor der oberen Firstalm biegen wir nun rechterhand ins freie Gelände ab. Der Weg wird zum Steig. Er verläuft mal mehr, mal weniger stark ansteigend. In vielen Serpentinen geht es über einen freien Wiesenrücken zur Brecherspitz. Dieser 1.683 Meter weithin sichtbare Pyramidenberg liegt am Spitzingsee, im Mangfallgebirge. Achim Haug führt hier regelmäßig Trainings gegen Höhenangst durch.

Sog aus der Tiefe
„Es gibt erstaunlich viele Menschen, die Angst vor der Höhe haben. Sie wollen so gerne in den Bergen wandern, trauen sich aber nicht“, weiß der 50-Jährige. Betroffen sind Männer und Frauen, gleichmäßig verteilt, überwiegend im Alter zwischen Ende 30 und Mitte 60. Abfallende Hänge und steile Felspassagen verursachen ihnen ein starkes Unwohlsein. Ihnen wird schwindlig und übel, ihr Herz beginnt zu rasen. Sie kriegen Atemnot, ihr ganzer Körper verkrampft. „Gut gemeinte Ratschläge wie ‚Geht schon’ oder ‚Stell dich nicht so an’ helfen ihnen kein Stück weiter“, weiß Achim Haug. „Bei manchen ist das Angstgefühl sogar so stark, dass sie fürchten, sie könnten die Kontrolle über sich selbst verlieren und sich bewusst in die Tiefe stürzen. Es ist wie ein Sog, den der Abhang auf sie ausübt.“

05Zwei Seiten der Angst
Dabei ist Angst an sich gar nichts Schlimmes, im Gegenteil. „Wenn es die Angst nicht gäbe, würden wir heute nicht hier sein. Dann hätten wir die Steinzeit nämlich nicht überlebt“, sagt Achim Haug. „Alle erfahrenen Bergsteiger können bestätigen, dass die Angst ein guter und treuer Begleiter ist, weil sie einen vor Gefahren warnt.“ Nicht umsonst heißt es: Einen guten Bergsteiger erkennt man daran, dass er alt wird. Angst macht leistungsfähig und fokussiert die Wahrnehmung. „Sie darf nur nicht ins Gegenteil umschlagen und einen lähmen“, sagt Haug.
So wie bei Höhenängstlichen, die irgendwann alle gefürchteten Situationen komplett vermeiden. „Sie trauen sich aus der Komfortzone nicht mehr raus, die Grenzen verschieben sich so immer mehr zum Nachteil. Eine Tour, die man vor zwei Jahren noch gemeistert hat, wird zur Unmöglichkeit“, weiß der Mentalcoach. Er rät: Sich der Angst stellen, sie aushalten. Und darauf vertrauen, dass die Panik abklingt und die Symptome nachlassen.

Einfach mal zurückgehen
In seinen Höhenangstkursen gibt Achim Haug seinen Teilnehmern Techniken und Verhaltensweisen an die Hand, mit denen sie über angsteinflößende Bergpassagen kommen. Wird die Atmung flach und schnell, hilft es beispielsweise, beim Einatmen mitzuzählen und dann doppelt so lange auszuatmen. Dafür muss man nicht mal stehen bleiben, das funktioniert auch unterm Gehen. Für diese Übung nutzt Achim Haug gerne die ersten leichten Kilometer auf Forstwegen. Sobald sich nämlich erstmals der Blick ins Tal öffnet, wird vielen Teilnehmern bereits mulmig. „Wenn der Weg dann wirklich steiler wird, setzt sich oft der Gedanke fest, dass man hier auch wieder runter muss. Damit man nicht bis zum Gipfel pausenlos den Abstieg vor Augen hat, lasse ich die Betroffenen die vermeintlich schwerste Stelle in diesem Abschnitt aussuchen. Dort deponieren wir die Rucksäcke und laufen ein, zwei Mal rauf und wieder runter. Und siehe da, jeder merkt, dass es viel schwerer ausschaut als es tatsächlich ist. Es besteht kein Grund, sich vor lauter Angst den Aufstieg und Gipfel vermiesen zu lassen.“

13Pause machen und ruhig werden
Auf dem Weg zur Brecherspitz gibt es einen besonders kritischen Punkt für Höhenängstler. Er liegt schräg unterhalb des Gipfels. Von hier blickt man auf die letzten Anstiegsmeter, die sich über einen zu beiden Seiten abfallenden Grat zu ziehen scheinen. „Da schlucken alle. Und würden am liebsten umdrehen“, erzählt Haug. „Ich versuche zu verhindern, dass sie das laut aussprechen. Wenn man es nämlich einmal laut gesagt hat, geht man meist wirklich nicht weiter. Denken kann man es. Aber eben nur denken.“ Der Bergwanderführer und Mentalcoach macht mit seinen Teilnehmern lieber erstmal eine Pause. Es wird was gegessen und getrunken. Bei vielen lässt die anfängliche Panik ganz von alleine nach. Und letztlich steigen doch alle mit. Ausnahmen sind selten. „Ich überrede niemanden, ich rede höchstens gut zu. Ich merke genau, wenn es jemand wirklich nicht schaffen würde“, sagt Haug.

Cooler Cowboy spielen
So gefährlich die Gipfelpassage von unten ausgesehen hat, so harmlos entpuppt sie sich beim Gehen, trotz einer stahlseilgesicherten Stelle.
Gegen den besagten Blick in die Tiefe empfiehlt Achim Haug, die Augen konzentriert auf dem Weg zu halten. Weil man automatisch dahin geht, wo man auch hinschaut. „Jeder Radfahrer kennt das, es liegt etwas auf der Straße, dem man ausweichen will. Statt dahin zu blicken, wo man fahren will, fixiert man den Gegenstand – und trifft ihn garantiert.“ Über die Körperhaltung lässt sich aufkommende Angst ebenfalls steuern. Mentalcoach Haug erklärt das so: „Die innere Haltung eines Menschen lässt sich an der äußeren ablesen. Wer glücklich oder traurig oder wütend oder eben ängstlich ist, der steht anders da. Das Prinzip funktioniert auch anders herum. Wenn sich jemand hinstellt wie ein cooler Cowboy, dann fühlt er sich auch so und die Angst verschwindet.“
Die Belohnung ist der Gipfel. Der Rundumblick reicht von Schliersee und Spitzingsee über die Aiplspitz und die Rotwand. Sogar bis hinüber zum Karwendel sieht man an klaren Tagen.
Wenn bei Teilnehmern vor lauter Glück und Stolz die Augen leuchten, ist das für Achim Haug die größte Bestätigung. Angst kann man besiegen.

Tourendaten Brecherspitz:

01Startpunkt: Parkplatz Spitzingsattel
Parkgebühr: 5 Euro/Tag
Höhenmeter: circa 556
Kilometer: circa 4,
Gehzeit (auf und ab): rund 3–3,5 Stunden
Einkehrmöglichkeit: Obere Firstalm
Alternative: Aufstieg von Neuhaus über die Ankel-Alm, 820 Höhenmeter, rund 5 Stunden.
Literatur: Tegernsee – Schliersee: Wanderführer mit Tourenkarten und Höhenprofilen/Kompass.

Mehr zu den Kursen von Achim Haug unter www.stuetzpunkt-inntal.de, Tel. +49 (0) 80 66 / 88 39 39, info@stuetzpunkt-inntal.de.

Die Angebote des Vereins richten sich an körperlich und psychisch gesunde Menschen. Menschen mit schweren Angststörungen werden gebeten, sich an Psychologen oder Psychotherapeuten zu wenden.

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