Unter steinalten Sternen staunend entschleunigen

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Unter steinalten Sternen staunend entschleunigen

Manuel Philipps Passion ist es, Menschen den Nachthimmel zu zeigen
Ein Artikel von Veronika Mergenthal

GalaxisIch war schon in meiner Kindheit und Jugend fasziniert von der Astronomie und dem Sternenhimmel. Nächtelang blickte ich vom Kinderzimmerfenster aus mit dem Fernglas meines Opas in den Himmel. Natürlich besaß ich auch das Sternenhimmel-Buch aus der Fachbuchreihe ‚Was ist was‘. Und ich hatte mit zehn Jahren schon meine erste drehbare Sternenkarte“, erzählt Manuel Philipp (47). Mit seiner „Mobilen Sternwarte Rosenheim/Chiemsee“ machte er seit 2014 an die 1000 Menschen mit dem Sternenhimmel am Chiemsee und auf der Winklmoos-Alm vertraut.

In der Gemeinde Reit im Winkl soll auf seine Initiative hin 2018 sogar der erste „Sternenpark“ auf bayerischem Boden und in den Alpen errichtet werden, „um die wunderbar dunkle Nacht der Winklmoos-Alm für Mensch, Tier, Pflanze und Sternbegeisterte zu erhalten und zu schützen“.

Nicht nur auf der Winklmoos-Alm, wo man auf 1.200 Metern Höhe fast die gesamte Himmels-Halbkugel und gut 3.000 Sterne sieht, sondern auch auf der Ratzinger Höhe bei Rimsting hält Philipp seine Führungen ab. Ein Dutzend Menschen tasten sich im Dunkeln vom Parkplatz zur Wiese vor, wo mit Hilfe von unaufdringlichen Rotlicht-Lampen das Teleskop aufgebaut wird. Keine Straßenlaterne, keine Außenbeleuchtung an den wenigen Häusern hier oben stört. Der nahe Wald hält die Lichtglocken von Rosenheim, München, Bad Endorf, Prien und Rimsting gut ab.manuel_philipp_erde

Die Lichtvermüllung des Nachthimmels ist für Philipp ein Drama und motiviert ihn umso mehr, Menschen die Sterne zu zeigen, übrigens bisher auch etwa 500 Schülern. „Die Dunkelheit ist heutzutage ein Luxus. Alles wird hell beleuchtet und man sieht immer weniger Sterne. Ein jahrtausendealtes Kulturgut, das Menschen, ganze Epochen, Wissenschaft und Religion geprägt hat, stirbt durch immer mehr Kunstlicht einen leisen, unbemerkten Tod.“

Dank der stabilen Hochdrucklage sehen wir hier heute von den circa 300 Milliarden Sternen über uns immerhin rund 1.500. Im Schnitt kreist um jeden ein Planet. Philipp möchte den Himmel begreifbar machen, ein Gefühl für das große Ganze, die unvorstellbaren Dimensionen geben. Er hat ein beleuchtbares Modell unserer Spiralgalaxie, der Milchstraße, mitgebracht. Mit einem Steinchen lokalisiert er die Position der Erde. „Das Weltall besteht eigentlich aus nix und aus solchen Inseln. Das helle, diffuse Band, was wir da quer über den Himmel aufgespannt sehen, sind die Spiralarme unserer Galaxie.“ Etwa 150.000 Jahre brauche das Licht, um unsere Galaxie komplett zu durchqueren, wobei es mit knapp einer Milliarde Kilometer pro Stunde unterwegs sei.

Mit einem Licht-Zeigestab erklärt der Sternenführer humorvoll einige Sternbilder wie den Schwan, die Fische, das Königspaar Kassiopeia und Kepheus aus der griechischen Mythologie oder die Leier mit dem derzeit hellsten Stern, der „nur“ 25 Lichtjahre entfernten „Wega“.

Der gebürtige Münchner lebt seit 2004 am Chiemsee. Nach einer Ausbildung als Elektromechaniker studierte er an der FH in München Physikalische Technik mit Schwerpunkt Technischer Umweltschutz. „Mein Lieblingsfach im Studium war eindeutig Atomphysik, was mir heute natürlich in der Astronomie hilft.“

Später hielt er Vorträge zum Thema Investment in Zukunftstechnologien und gründete 2008 seine eigene Werbeagentur. Auf Anregung von Freunden und einer Firma erklärte er im Frühjahr 2014 erstmals den Sternenhimmel und das All. Er war infiziert, hielt im Sommer die ersten Führungen. Und kaufte sich trotz seiner Berührungsängste gegenüber den Geräten mit ihren „vielen Hebeln, Schrauben, Drehdingern und Zahlen“ sein erstes Teleskop. Inzwischen besitzt er sechs verschiedene, das größte zwei Meter hoch mit Spiegeldurchmesser von 46 Zentimetern.

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Foto: Manuel Philipp

Ein kostspieliges Vergnügen. „Hier auf der Wiese stehen 6.000 Euro und im Auto sind nochmal 4.000 Euro“, verrät Philipp auf der Ratzinger Höhe; dabei hat er nur einen Teil seines Sternbeobachtungs-Equipments dabei.

Sehr gerne führt er trotz dieser technischen Hilfen Menschen mit bloßem Auge am Sternenhimmel spazieren, weil die Teilnehmer dann alles Gehörte und Gezeigte zu jeder Zeit selbst immer wieder nachvollziehen und sehen können. Damit hebt er sich auch von „normalen“ Sternwarten ab. Mit dem 120-Millimeter-Großfernglas möchte er vor allem denen, die schon öfter da waren, ein Zusatzprogramm bieten. „Eine Dame, die schon fast 70 ist, war schon 15 Mal bei mir auf der Führung. Sie sagte: „Manuel, ich komme so oft, bis ich genau so viel weiß wie du…“. Philipp lädt die Teilnehmer am Anfang immer dazu ein, ihn zu duzen und „Manuel“, „Manu“ oder „Hey du“ zu rufen, und ermutigt sie, jede mutmaßlich noch so „doofe“ Frage rauszulassen.

Mit dem Teleskop bestaunen wir die – auch mit bloßem Auge zu sehende – benachbarte Andromeda-Galaxie, die 2,5 Millionen Lichtjahre entfernt ist. Wir erspähen „rote Riesen“, verglimmende Sterne in einem Sternhaufen, und eine Sternleiche mit ihrer sich ausdehnenden Gashülle. „Ich bin total gerührt!“, „Faszinierend!“, sagen Teilnehmer spontan.

Für Manuel Philipp ist sein Herzensprojekt „Abenteuer Sterne“ ein „Entschleunigungsmittel“ in unserer „Zu-vielisation“, in der wir in Multimedia und der Info-Flut ertrinken. In einer Zeit immer noch gigantischerer Weltraum-Animationen, in der das Milchstraßenband in halb Deutschland nicht mehr sichtbar ist, setzt er auf die erdende Kraft der simplen Sternenbeobachtung.

Sternenpark und Sternführungen

Der „Sternenpark Winklmoos-Alm“ hat den Schutz der Dunkelheit zum Ziel. Zertifiziert werden Sternenparks, weltweit bisher etwa 50, von der IDA (International Darksky Association) in Amerika. In Deutschland gibt es bereits Sternenparks im Westhavelland, in der Eifel und in der Rhön. Bei Antragstellung müssen zwei Drittel aller Lichtquellen „sternenparkfreundlich“ sein, das heißt mit warmweißem Licht, und Lichtquellen mit mehr als 500 Lumen müssen nach unten gerichtet sein. In den letzten Monaten rüstete Manuel Philipp mit Genehmigung der Almbauern, Gastronomen und der Gemeinde Reit im Winkl etwa 250 Lichtquellen um. Nun kann er den Antrag stellen, damit die Winklmoos-Alm 2018 international zertifizierter Sternenpark wird.

Öffentliche Sternführungen finden am Dienstag- und Donnerstagabend auf der Ratzinger Höhe bei Rimsting und mittwochs (im Sommer zusätzlich auch freitags) auf der Winklmoos-Alm statt. Genaue Uhrzeiten und aktuelle Infos unter www.abenteuer-sterne.de

Fotos: Manuel Philipp
Foto: Manuel Philipp
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