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Verkauft wird letztlich nur eine Emotion

Früher war sie

Geschäftsführerin von Fiat Deutschland. Heute leitet Irene Wagner in Marktschellenberg ihre eigene Firma.  Sie hat sich durch harte Zeiten gebissen, Panda gegen Porsche getauscht und häusliche Seiten an sich entdeckt.  Zu Gast bei einer „knallharten Geschäftsfrau“.

Irene Wagner mag schwarzen Kaffee. Wenn sie ihn aus ihrem schwarzweißen New York-Becher trinkt, verdeckt die Wolkenkratzerskyline fast ihr ganzes Gesicht. „Eine tolle Stadt“, sagt sie. Vor allem eine, die nie schläft. Ein Melting Pot, in dem das Leben pulsiert, wo sich das Rad immer dreht. Eine Stadt wie Irene Wagner selbst. Die große 50-Jährige mit dem ultrakurzen Pixie-Haarschnitt und der knallroten Brille ruht auch selten. Sie ist Unternehmerin durch und durch. Ihre Firma beschäftigt 210 Mitarbeiter. „psm protech“ fertigt Präzisionsstanzteile, Spritzgussteile, Hybridteile und komplette Baugruppen für die Automobilindustrie. Über Zulieferer wie Bosch oder Continental werden die Teile zum Beispiel zu BMW oder VW geliefert und weiter verbaut.

Es ist eine Branche, in der sich nicht viele Frauen tummeln. Aber für schicke Autos hatte Irene Wagner bereits als Kind ein Faible. Wenn sie beim Vater mitfahren durfte, rief sie von der Rückbank: „schneller, schneller“. „Zum 14. Geburtstag habe ich mir eine BMW-Aktie gewünscht“, erzählt sie.

In ihrem Büro im zweiten Stock des Firmengebäudes in Marktschellenberg sind die Fenster weit geöffnet. Zum Monatsende macht der August noch mal einen auf Hochsommer. Die Sonne heizt dem holzvertäfelten Raum ein. Es ist Ferienzeit und der Mitarbeiterparkplatz unten im Hof zur Hälfte leer. „Alle sind im Urlaub oder waren schon weg“, sagt die Chefin. Ob sie auch noch verreist? „Jetzt nicht. Vielleicht später.“

Von ihrem Schreibtisch hat Irene Wagner freien Blick auf den Hohen Göll, das Kehlsteinhaus und das Rossfeld. Gegenüber, im Garten ihres Wohnhauses, tollt Labradorhündin Hexe um den Hühnerstall. Ein Ei lag heute Morgen schon im Nest. Irenes 80-jährige Mutter zupft in den Blumenbeeten. Der Duft nach frisch gemähtem Rasen zieht herein. „Ja, ich bin im Paradies angekommen“, sagt Irene Wagner zufrieden. Dabei war der Himmel für die Unternehmerin nicht nur blau und heiter.

„Wir brauchen die Quote“

Nach dem BWL-Studium ging Irene Wagner zu IVECO, dem Nutzfahrzeughersteller von Fiat. Sie hätte auch bei BMW oder AUDI anfangen können, die Verträge hatte sie schon auf dem Tisch. Aber Fiat war schon immer Irene Wagners Liebling. Ihr erstes Auto war ein Panda. Der Job führte die gebürtige Augsburgerin quer durch Deutschland, ihre Karriere ging steil nach oben. Sie arbeitete sich bis in die Geschäftsführung von Fiat Deutschland hoch. Der nächste Schritt nach oben wäre der Vorstand in Turin gewesen. „Aber nicht für eine Frau und noch dazu eine Nichtitalienerin“, sagt Irene Wagner. Sie war an der gläsernen Decke angekommen. Kein Wunder, dass sie als Verfechterin der Frauen-Quote gilt. „Studien belegen eindeutig, dass gemischte Führungs-Teams erfolgreicher sind. Trotzdem ändert sich nichts, die Männer bleiben unter sich, weil sie es so gewohnt sind. Wir brauchen die Quote als Anschub, wahrscheinlich würde sie sich nach ein paar Jahren erübrigen, weil Frauen in Chefetagen dann ganz selbstverständlich wären.“ Gut, dass für Irene Wagner damals sowieso feststand: Im Fiat-Konzern werde ich nicht alt. Trotz bestem Gehalt, trotz Firmenwägen, Businessflügen und Prestige. Sie wollte endlich ihr eigener Chef sein, im eigenen Unternehmen. Gemeinsam mit ihrem Mann begann sie die Suche. Eine Firma fällt einem nicht in den Schoß.

Familie und Arbeit als Anker

Als 2009 wegen der Wirtschaftskrise schier alles in Depression verfiel, kam ihnen das zugute. „Uns war klar: wir können uns nur etwas leisten, das in der Krise ist“, sagt Wagner. Und dann kam der Anruf vom Bruder aus Marktschellenberg. Das Vorzeigeunternehmen in seiner Gemeinde habe Insolvenz angemeldet. Das könnte ein Objekt sein. Und das war es auch. Irene und ihr Mann schlugen zu, alles ging ganz flott. Im März kamen sie zur Firmenbesichtigung, im Juni saßen sie schon beim Notar und wickelten den Kauf ab. Der Plan war, dass beide als Geschäftsführer agieren. Sie sollte das Management übernehmen, er den Vertrieb und das Technische. Die ersten Monate machten beide nichts anderes als schier endlose Papierberge zu wälzen. Als ihr Mann Anfang Oktober zu einer Oldtimer Rallye aufbrach, konnte niemand ahnen, dass er nicht zurückkommen wird. Er starb während des Rennens an einem Herzinfarkt, mit 48 Jahren. Irene Wagner stand plötzlich alleine da. „Für mich war klar, dass ich das mit der Firma trotzdem durchziehe“, sagt sie. Sie sitzt ganz grade auf ihrem Stuhl, während sie erzählt, drückt den Rücken durch und schaut ihrem Gegenüber fest in die Augen. Die Familie fing sie auf, der Bruder und die Schwägerin, die Mutter und die engsten Mitarbeiter. Irene Wagner hatte schlicht keine Zeit, sich in Trauer zu vergraben, es gab so viel zu erledigen. Allen voran wollte sie den Mitarbeitern zeigen, dass der Tod ihres Mannes nicht automatisch das Ende der Firma ist. „Die Arbeit hat mir geholfen, nicht ununterbrochen unglücklich zu sein“, sagt sie.

Gräfin Dönhoff in der Garage

Irene Wagner hat es geschafft, psm protech zu einem erfolgreichen Unternehmen zu machen. Sie stellte eine Vertriebsstrategie auf, schärfte das Firmenprofil, konzentrierte sich aufs Kerngeschäft, musterte kategorisch aus, auch Kunden. Der Mitarbeiterstamm wuchs von 145 auf derzeit 210. Davon sind 120 in Marktschellenberg beschäftigt und 90 am Produktionsstandort in Ungarn. Die Auftragsbücher der Firma sind gut gefüllt. Jährlich macht das Unternehmen rund 15 Millionen Euro Umsatz.

Was Irene Wagner an der Automobilindustrie nach wie vor reizt, erklärt sie so: „Die Branche ist innovativ, exakt und präzise. In einem Auto muss einfach alles passen, man muss heute schon wissen, was in zehn Jahren Trend ist. Auch wenn die Technik dominiert, verkauft wird letztlich eine Emotion.“ Sie selbst fährt jetzt übrigens einen Porsche 997, auch wenn er „unpraktisch ist, weil nichts reinpasst“. Er war in der Insolvenzmasse mit einem Ein-Euro-Wert angegeben, also quasi geschenkt. Irene Wagner hat ihm einen Namen gegeben: Marion Gräfin Dönhoff. Ihre Initialen GD stehen auf dem Nummernschild. Dönhoff war Chefredakteurin und Mitherausgeberin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie gilt als eine der bedeutendsten Publizistinnen der Nachkriegszeit. Den einzigen Luxus, den sich die Dame je leistete, waren Sportwagen. Bis ins hohe Alter raste sie mit ihrem Porsche über die Hamburger Elbchaussee.

„Ich kann auch handarbeiten“

Seit Mai 2014 steht Irene Wagner an der Spitze der Industrie- und Handelskammer Berchtesgadener Land. „Ich bin Unternehmerin aus Leidenschaft. Und ich finde, dass es wichtig ist, sich für gesellschaftliche Belange einzusetzen, dass man Verantwortung übernimmt und versucht, Dinge voran zu bringen“, sagt sie. Bei den Rotariern und im Förderverein des Schülerforschungszentrums Berchtesgaden engagiert sie sich ebenfalls ehrenamtlich. Derzeit treibt sie die Frage um, wie man junge Flüchtlinge zu einem deutschen Schulabschluss verhelfen kann. Der Fachkräftemangel ist längst real, Irene Wagner sieht in den vielen jungen Menschen Potential.

Nicht nur ihre Firma hat Irene Wagner auf solide Füße gestellt, sie ist auch privat so richtig in Marktschellenberg angekommen. Sie geht Bergsteigen, sie macht Skitouren, sie spielt Golf. Als sie ihre Mutter vor drei Jahren von Augsburg in die Berge nachholte, tat sie das, um ein Auge auf die rüstige Dame zu haben. „Aber es ist genau umgekehrt, sie schaut auf mich“, lacht die Unternehmerin und schaut aus dem Fenster, den Kaffeebecher in der Hand. Als knallharte Geschäftsfrau kann man sie ruhig bezeichnen, damit hat sie kein Problem. „Es hat mir schon immer Spaß gemacht, etwas zu bewegen und Leute zu führen.“ Was sie eher nervt: „Keiner traut mir zu, dass ich stricke und häkle und Hühner halte.“ Im Garten tollen Hund und Mutter immer noch umher. Die Sonne steht jetzt fast genau überm Hohen Göll. „Ich kann mich an diesem Blick nicht satt sehen“, sagt Irene Wagner. Was ist da schon New York und seine Skyline.

Kathrin Thoma-Bregar

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