Vom Krankenhaus in den Kuhstall

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Vom Krankenhaus in den Kuhstall

Landwirtin war nie der Traumberuf von Sandra Hörterer. Dabei ist sie wie geschaffen für das Leben auf dem Bauernhof.
Ein Artikel von Kathrin Thoma-Bregar

Wenn sie an einem kalten Wintermorgen aus dem Stall kommt und über den Wiesen der Bodennebel aufsteigt und der Himmel von der aufgehenden Sonne geweckt wird, denkt sich Sandra Hörterer manchmal, dass dieser Morgen nur ihr gehört, so schön ist es. Egal, ob der Wecker jeden Tag um 4.45 Uhr klingelt, die Stunden mit Arbeit durchgetaktet sind und Urlaub nicht drin ist, die 44-Jährige kann sich kein anderes Leben vorstellen. „Dabei hätte ich nie gedacht, dass ich mal Bäuerin werde“, sagt Sandra. Sie war Krankenschwester, als sie ihren Mann Hannes kennenlernte. Den Job hängte sie an den Nagel und hat es nie bereut. Dabei änderte sich ihr Leben von Grund auf.

DSC_4320„Ich war schon immer ein Draußenmensch, aber von Landwirtschaft hatte ich keine Ahnung“, erzählt sie und schenkt Kaffee ein. In der großen Küche ist es warm, im Holzofen brennt Feuer, auf dem Herd köchelt eine Kürbissuppe. Der Huberhof in Schleching im Chiemgau wurde 1395 erstmals urkundlich erwähnt. Seit 1870 bewirtschaftet die Familie Hörterer den Hof, Hannes und Sandra sind die fünfte Generation. Die sechste steht schon in den Startlöchern. Die ältere Tochter Anna absolviert derzeit eine landwirtschaftliche Lehre. Theresa geht noch zur Schule.

Neben den Schwiegereltern leben auf dem Huberhof noch 40 Milchkühe plus Nachzucht, zwei Lamas, zwei Pferde, Katzen, Hühner, Honigbienen und Schäferhund Ferry, der unter der Kücheneckbank döst.

Zum Wohl der Tiere

„Andere arbeiten, um zu leben und unser Leben ist die Arbeit. Hof und Tiere haben immer Priorität“, sagt Sandra Hörterer. Melken, füttern, ausmisten, die Kälber versorgen, im Sommer täglich zu den Tieren auf die Alm fahren, den Gemüse- und Blumengarten pflegen und dann ist da auch noch das 400 Quadratmeter große Bauernhaus, in dem auch eine Ferienwohnung untergebracht ist, die Arbeit geht niemals aus. „Wir gehen gerne wandern oder klettern, die Berge sind ja direkt vor unserer Haustür. Aber wir müssen immer zum Melken zurück sein.“ Auf eine Stunde hin oder her kommt es zwar nicht an, aber spontan bis zum Sonnenuntergang am Gipfel sitzen bleiben, ist nicht drin. Trotzdem fühlt sich Sandra Hörterer freier, als sie es als Krankenschwester jemals getan hat. „Den ganzen Tag drin sein, könnte ich nicht mehr“, sagt sie. Die Arbeit mit den Tieren ist ihr ans Herz gewachsen. „Meine Töchter sagen immer, wir sind Tierhypochonder. Aber wir begegnen unseren Kühen einfach mit viel Respekt und schätzen, was wir ihnen zu verdanken haben. Bei uns wird kein Tier geschlagen, auch wenn das Verladen in den Hänger eine Stunde dauert.“ Die älteste Kuh der Hörterers ist Samurai. 19 Jahre ist sie alt und längst in Rente. Sie genießt „das ewige Leben“ am Huberhof, kann vom offenen Laufstall jederzeit hinaus auf die Weide. „Sie ist eine Seele von Tier“, sagt Sandra liebevoll.

DSC_5435Globulis gegen Durchfall

Zwischen 700 und 800 Liter Milch geben die Huberhof-Kühe täglich. Sie werden zu einem fairen Milchpreis an die Molkerei-Genossenschaft Berchtesgadener Land geliefert und dort weiterverarbeitet. „In jedem Liter Bergbauernmilch steckt harte Arbeit“, weiß Sandra Hörterer, die selbst viel Wert auf gesunde Lebensmittel legt. Bei ihr wird täglich gesund gekocht, das Gemüse erntet sie am liebsten im eigenen Garten. Die Huberhof-Kühe genießen in der Familie hohes Ansehen. Jede hat ihren Namen. Geht es einem Tier nicht gut, hat es sich verletzt, Husten oder Durchfall, wird es homöopathisch behandelt. In dieses Thema hat sich Sandra Hörterer in den letzten Jahren eingearbeitet und von ihrer Krankenschwester-Ausbildung profitiert. Zusätzlich hat sie Homöopathie-Schulungen besucht, die die Molkerei ihren Landwirten anbietet. Auch wenn Homöopathie den Tierarzt nicht immer ersetzen kann, haben sich doch der Einsatz von Antibiotika und die Tierarztkosten bei den Hörterers deutlich reduziert. „Dadurch ist man auch viel näher dran an den Tieren, man muss kleinste Veränderungen wahrnehmen können.“ Für die Bergbäuerin hat das auch etwas mit Wertschätzung zu tun.

IMG_8801Hebamme auf Abruf

So richtig Feierabend hat Sandra Hörterer nie. Oft muss sie auch in der Nacht raus. Wenn Nachwuchs ansteht auch mal drei oder vier Nächte hintereinander. In der Zeit kann sie auch keine Einladungen annehmen oder Verabredungen treffen. Wenn eine Kuh kalbt, muss sie schnell zur Stelle sein. „Die Kuh sagt ja nicht, wann es so weit sein wird“. Aber an Nachtschichten hat sie ihr früherer Beruf gewöhnt. An ihr erstes Kälbchen kann Sandra sich noch erinnern. „Es war nicht nur für mich das erste Mal, sondern auch für die Kuh und ich war ganz alleine. Aber alles ist gut gegangen.“

Mittlerweile ist die 15-jährige Theresa von der Schule zurück und löffelt ihre Suppe am großen Holztisch. Danach will sie ausreiten. In Schleching leben an die 1800 Einwohner. Der Ort ist eingerahmt von Bergen: Hochplatte, Hochgern, Geigelstein. Im Sommer treiben die Hörterers ihre Kälber auf die Steinbergalm an der Südseite der Kampenwand. Sandra schaut täglich nach ihnen. Gebürtig kommt sie aus der Nähe von Traunstein und ist schon immer gerne in den Bergen unterwegs gewesen. Sie genießt die Höhenluft genauso wie ihre Tiere und hält den beanspruchten Rücken mit Yoga fit.

Ein Blick auf die Uhr, es ist gleich vier, die Kühe warten. Sandra muss in den Stall. „Fertig ist man nie“, sagt sie. Draußen ist die Sonne längst untergegangen, es dämmert. Nebel fällt ein. Fast könnte man neidisch werden auf die Bergbäuerin.

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