Von Mühldorf in die Welt

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Von Mühldorf in die Welt

Seinen typischen Charakter erhält der im Norden an Niederbayern angrenzende Landkreis Mühldorf durch die Flüsse, die ihn durchziehen, vor allem Inn und Isen. Um Waldkraiburg und Mühldorf hat sich leistungsstarkes Gewerbe angesiedelt. Fünf innovative Betriebe stellen wir Ihnen in dieser Ausgabe vor.
Ein Artikel von Veronika Mergenthal
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Foto:www.kaindl-hoenig.com

Wer vor dem ehemaligen Fenster- und Türenwerk in Gars-Bahnhof anhält, ahnt nicht, welches Hightech-Unternehmen sich hinter „Amplex Diagnostics GmbH“ verbirgt. Dr. Dirk Ganghofner und Dr. Lars Wassill entwickeln mit ihrem zehnköpfigen Team molekularbiologische Tests zum Nachweis von aktuellen Krankheitserregern und deren Antibiotika-Resistenzen. In nur 15 bis 30 Minuten weisen sie diese direkt aus dem Probenmaterial nach. „Damit sind wir im Bereich der Resistenztestungen (Krankenhauskeime) und Meningitis-Diagnostik weltweit am schnellsten“, erklärt Ganghofner.

Im Mai 2002 gründeten die beiden Mikrobiologen mit einer Startfinanzierung durch staatliche Förderung ihre Firma. Im November hatten sie ihre ersten Produkte und im Mai 2003 ihre ersten Kunden. Die damals sehr aufwändigen Tests für Krankenhauskeime verkürzten sie von vier Stunden auf 2,5 Stunden. Durch das neue Gerät amplex Genie II und die entsprechende Software aus England strafften Ganghofner und Wassill den Prozess nochmal auf unter eine halbe Stunde.

Alles beginnt mit der Probennahme, einem Abstrich aus einer Körperöffnung. Die Probe wird gelöst und zwei Minuten in einem Heizblock „gekocht“, um die DNA frei zu setzen. Die entstandene Flüssigkeit (Lysat) wird mit der Pipette in die Zapfen eines Teststreifens gegeben, mit dem insgesamt sieben Parameter – Erreger oder Resistenzen – geprüft werden können. Der Teststreifen wird ins Gerät gesteckt, der Test ausgewählt und alles digital ausgewertet.

Ihre Produkte vertreibt AmplexDiagnostics in ganz Europa und im arabischen Raum, wo sich die oft in Indien und Pakistan entstehenden Resistenzen durch Gast-
arbeiter ausbreiten. Zu den Kunden gehören Unikliniken, die städtischen Kliniken in München und die Schön-Klinik in Vogtareuth.

Regionales Anbauprojekt für Knuspermüsli

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Foto: Barnhouse Naturprodukte GmbH

Ein „bayerisches Mädel“ und ein junger Engländer, Sina Nagl und Neil Reen, gründeten 1979 im Zuge der auf-keimenden Naturkost-Bewegung in München das Familienunternehmen „Barnhouse Naturprodukte GmbH“.

Zunächst wollten sie Knuspermüsli aus England importieren, doch der dortige Hersteller glaubte nicht an ihren Erfolg. Also buken sie es in ihrer Küche selbst und nannten es „Krunchy“, zur Unterscheidung vom englischen Crunchy. Vier Kilo pro Tag wurden – oft mit dem Rad – an die ersten fünf Bioläden Münchens geliefert. 1983 kamen weitere Produkte dazu, wie Getreideriegel ohne Zucker oder die erste in Deutschland hergestellte Demeter-Babynahrung.

Mit ihrer eigenen Betriebsstätte in Mühldorf am Inn eröffneten Nagl und Reen 1998 die erste „Bio-Kruncherei“ weltweit und konzentrierten sich auf die Produktion von Frühstücks-Cerealien. Seither wurde laufend erweitert. Innovative Produktvarianten entstanden.

Seit der Ernte 2015 bezieht Barnhouse „eigenen“ Hafer und Dinkel von mittlerweile 46 Bio-Landwirten aus der Region. Der Hafer für das neue Müsli „Barnhouse Granola“ stammt zu 100 Prozent aus dem Anbauprojekt. „So eine schnelle, direkte und konsequente Umsetzung ist ein echter Glücksfall“, freut sich Bio-Pionierin Sina Nagl. Barnhouse erhielt für die Sorte „Granola Saaten“ beim Wettbewerb „Bayerns beste Bio-Produkte 2017“ Bronze.

Die derzeit 87 Mitarbeiter produzieren im Drei-Schicht-Betrieb mehr als 20 Sorten Krunchy ausschließlich für Bioläden und -märkte – vorwiegend in Deutschland, gefolgt von Italien, Spanien, den Niederlanden, Frankreich, Österreich und der Schweiz.

Weltweit größter Agraranhängerhersteller

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Fotos: Fliegl Gruppe

Vor 42 Jahren begann die Fliegl-Erfolgsgeschichte: Landwirt Josef Fliegl senior suchte neue Herausforderungen und gründete 1975 ein personengeführtes Maschinenbauunternehmen. 1976 legte er in Rekordzeit und mit Bravour die Meisterprüfung ab und konzentrierte sich mit drei Lehrlingen und zwei Schweißern auf die Montage von Lkw-Kippern und Güllefässern.

Auf der Landwirtschaftsausstellung auf dem Karpfhamer Volksfest 1978 erregte Fliegl erstmals Aufsehen. 1982, als die Landwirtschaft verstärkt in Wohn- und Wirtschaftsgebäude investierte, brachte er einen robusten Beton-mischer auf den Markt. Innerhalb von zwei Jahren wurde er mehr als 1000 Mal verkauft. 1985 wurde für den Selbstbefüller-Mischer das erste Fliegl-Patent angemeldet. In den Folgejahren stieg Fliegl in die Produktion von Nutzfahrzeugen ein. Mit Eröffnung eines Werks in
Thüringen begann die Expansion.

Silbermedaillen auf der Messe „Agritechnica“ erhielt das Unternehmen 2007 für seinen Abschiebewagen mit Zwangslenkung und 2013 für sein Wiegesystem FWS 2014.

Heute ist die Fliegl Agrartechnik GmbH, die 2012 von Töging nach Mühldorf zog, der weltweit größte Agraranhängerhersteller. Mehr als 300 Mitarbeiter fertigen pro Jahr mehr als 4500 Fahrzeuge. Auf rund 30 Hektar entstehen in vier Montagelinien Kipper, Biogasanlagen, Güllefässer und Abschiebewagen für alle fünf Kontinente. „Wir sind dabei, Neuheiten zu entwickeln und Bestehendes zu optimieren“, kündigt Geschäftsführer Josef Fliegl junior weitere Innovationen an.

Vom Kinderbass bis zum Spitzeninstrument

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Foto: www.kaindl-hoenig.com

Kontrabassbauer mit Leib und Seele sind Anton Holzlechner und sein Neffe Hans-Jürgen Holzner. Anton Holzlechner hat bei einem Bassbauer in Neumarkt St. Veit gelernt und 1969 seine Werkstatt im nahe gelegenen Teising gegründet. Sein Neffe und er wechseln sich bei den Arbeitsgängen ab. Ihre Kontrabässe sind weltweit gefragt, vor allem in Asien und ganz Europa.

„Das Zusammenspiel von Decke und Boden ist ent-scheidend“, weiß Hans-Jürgen Holzner. Für die Decke diene Fichte und für den Boden Laubholz von großen, langsam gewachsenen Bäumen. Für einen dunklen,
warmen Ton rät er zu Pappel und für einen hellen, klaren zu Esche. An ihre dicken Stämme kommen die Bassbauer durch Tipps, Beobachtungen von gefällten Bäumen an der Straße oder auch über die Zeitung. Sieben bis zehn Jahre muss das Holz mindestens trocknen.

In einem einfachen Bass stecken mindestens 80 Arbeitsstunden, in Instrumenten der höchsten Qualitätsstufe 160 bis 180 Arbeitsstunden. Im Schnitt baut die Firma Holzlechner zehn bis 15 Instrumente pro Jahr mit einer Lieferzeit von fünf bis sechs Monaten.

Alles ist Handarbeit: Die charakteristischen F-Löcher beispielsweise werden mit einer Stichsäge herausgeschnitten und mit einem Schnitzeisen nachgearbeitet. Die „Zargen“, die Seitenteile, werden nass gemacht und in einer Biegemaschine mit einem heißen Eisen in Form gebracht. Herzstück des Instruments ist der „Bassbalken“ hinter der Decke, die die tiefen Frequenzen der Saiten verstärkt.

Vorreiter ist die Meisterwerkstätte Holzlechner mit der Entwicklung ihrer Kinderbässe für das Alter ab sechs Jahren. Die gibt es auch in bunten Farben wie blau, grün, rot und gelb.

Spezial-Reinigungsanlagen für die Top 10 der Pharma-Firmen

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Foto: www.kaindl-hoenig.com

Wie werden Operationsbesteck, Behälter zur Medikamentenherstellung oder andere Geräte aus Kliniken und Pharmaunternehmen eigentlich gereinigt? Schließlich müssen diese nicht nur sauber, sondern auch steril sein, um die Infektionsgefahr zu bannen. Für solche Herausforderungen entwickelt die auch in Mühldorf vertretene Firma Belimed innovative Sonderanlagen.

Aktuell beschäftigt die Belimed-Gruppe etwa 1200 Mitarbeiter in den Bereichen „Life Science“ (für Pharma-, Biotech- und Forschungsanwendungen) und „Medical“ für Anwendungen in Krankenhäusern. Sie entwickelt jeweils sogenannte „Washer“ – Spezialreinigungsanlagen, von kleinen kompakten Einheiten, ähnlich einem Geschirrspüler, bis hin zu Großgeräten mit einer Abmessung von 10 mal 4 mal 3 Metern – und Sterilisatoren. „Die funktionieren ähnlich wie ein Dampfkochtopf. Bei über 121 Grad sterben die Bakterien und Viren ab“, erklärt Wolfgang Dornfeld, Geschäftsführer des Bereichs Life Science.

Am Standort Mühldorf mit rund 280 Mitarbeitern werden die Wascher für den Einsatz im Life-Science-Bereich gebaut, vermarktet und dokumentiert und auch hier gleich vom Kunden geprüft. „Die Top 10 der weltweiten Pharmaunternehmen sind unsere Kunden“, berichtet Dornfeld stolz. „Im Bereich der Kunden-Spe-ziallösungen sind wir Marktführer und in Bezug auf das Marktvolumen spielen wir weltweit unter den Top 3.“

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