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„Wir sind alle gleich“

Mit seinem Song „Nur ein Lied“ erreichte der oberbayerische Musiker Alex Diehl weltweite Berühmtheit. Er schrieb es in der Terrornacht von Paris. Ein Interview über Musikliebe, deutsche Musik und Musik als Therapie.
Ein Artikel von Kathrin Thoma-Bregar

Alex-Diehl-03Wolltest du immer schon Musiker werden und hast du wirklich mit 17 Jahren während einer Mathe-Klausur die Schule geschmissen?

Ja, soweit ich mich zurückerinnern kann, war da immer Musik in meinem Kopf. Die Schule war nie mein Ding. Ich war gerne Klassensprecher und hab mich für Theater, Chor oder Schulband eingesetzt. Das „Schulsystem“ habe ich aber nie verstanden. Ich habe meine Zeit abgesessen und mich sobald es ging davon gelöst. Ich wusste was ich wollte und war naiv genug zu denken, es wäre möglich. Aber es war ein langer Weg mit Kofferraum-WG-Kommune und manchmal nur zwei Euro im Portemonnaie. Rückblickend wüsste ich, wie es leichter geht. Aber ich habe meine Entscheidung nie bereut und bin sehr dankbar für das, was ich habe.

Stimmt es, dass du dir das Spielen von Klavier, Schlagzeug und Gitarre selbst beigebracht hast?

Welches Instrument ist dir das liebste und warum?

Ja, zum Leidwesen meiner Großeltern und Eltern. Nach der Schule habe ich den Schulranzen in die Ecke gepfeffert und ab ans Schlagzeug, erstmal abreagieren. Ich liebe alle Instrumente. Wenn etwas Töne machen kann, fasziniert mich das. Da ich immer schon gerne Gedichte und Lieder geschrieben habe, sind Gitarre und Klavier ideal. Drums sind allerdings immer noch mein Heiligtum. Meine kleine Heimtherapie, ganz nach dem Motto: Hau drauf und es geht dir besser.

Hast du mal in einer Band gespielt, oder warst du schon immer solo unterwegs?Alex.Diehl

Mit 12 Jahren gründete ich meine erste Band, mit meinen Schulfreunden, die in der örtlichen Blechblaskapelle spielten oder die ich aus dem dörflichen Fußballverein kannte. Wir waren unfassbar schlecht und es war uns völlig egal. Es war der Hammer, nach der Schule mit ihnen zu proben und gemeinsam Songs zu schreiben. Wir traten in Bierzelten, auf Marktfesten oder auf privaten Hüttenpartys auf. Es war die schönste Zeit meines Lebens. Ich war einfach nur frei, naiv und musikverliebt bis über beide Ohren.

Du hast deine Songtexte zuerst auf Englisch geschrieben und erst dann auf Deutsch. Warum?

In meiner Kindheit und Jugend war Deutsch gerade nicht so der Hit, ich wuchs mit englischsprachiger Musik auf. Als ich Grönemeyers Lied „Der Weg“ hörte, das er für seine verstorbene Frau geschrieben hatte, war ich so berührt, dass ich anfing, meine Gefühle in meiner Muttersprache auszudrücken. Allerdings blieben diese Songs erstmal in der Schublade. Als Bands wie „Wir sind Helden“ oder „Silbermond“ aufkamen, wagte ich mich auch, mit meinen deutschen Liedern aufzutreten. Bei meinem ersten Auftritt waren sofort alle CDs verkauft. Von da an trat ich als Alex Diehl auf und singe Songs aus meiner Seele.

Die Texte haben oft einen biographischen Hintergrund. Hilft dir die Musik, Dinge zu verarbeiten?

Meine Alben sind meine musikalischen Tagebücher. Ich verarbeite alles darin. Vor allem aber meine Schwächen. Ich bin sehr ehrlich zu mir selbst. Ich weiß, was ich gut kann und weiß aber auch, was ich nicht gut kann. Wenn man sich einmal wirklich seelisch nackt vor andere Menschen hinstellt, die man nicht kennt und von all seinen Fehlern singt, vom Nicht-perfekt-sein, vom Menschsein und von Sehnsüchten, dann ist das wahnsinnig befreiend. Man lernt eine ganz wichtige Sache: Wir sind alle gleich. Alle.

„Nur ein Lied“ erreichte innerhalb kurzer Zeit über die sozialen Netzwerke Millionen von Menschen.

_DSC6430Der Song war ursprünglich ein sehr verzweifeltes Gedicht ohne Musik. Entstanden sind die Zeilen in der Nacht der Anschläge, als ich wie viele andere das Fußballspiel im TV gesehen habe. Ich saß bis 5 Uhr früh wach und verfolgte das Geschehen. Als kurz nach den Anschlägen das widerwärtige Posting einer rechtspopulistischen Partei auf Facebook erschien, war ich so traurig, dass ich dieses Gedicht schrieb. Ich komponierte ein paar Gitarrenakkorde dazu und lud es auf meine Facebook-Seite. Ich wollte vor allem Hoffnung verbreiten. Dann ging ich schlafen. Am nächsten Tag war alles anders.

Welche Botschaft hat dein aktuelles Album „Bretter meiner Welt“?

Mut und Hoffnung. Es geht mir um nichts anderes. Meine Musik soll wie ein Rucksack sein, den man auf seinem Lebensweg bei sich trägt. Immer wenn man glaubt, es geht nicht weiter, soll man sich kurz hinsetzen, seinen Rucksack auspacken, sich die Dinge genau anschauen, in sich hineinhören, Kraft schöpfen und weitergehen. Wo das Herz einen auch hinführt.

Du lebst im Chiemgau, in der Nähe von Waging am See. Wie sehr fühlst du dich deiner Heimat verbunden?

Ich bin ständig unterwegs, Deutschland ist mein Zuhause geworden. Ich liebe die Städte und die Natur von der Nordsee bis in meine Heimat. Wenn ich privat unterwegs bin und meine Ruhe möchte, kann ich mir nichts Schöneres vorstellen als den Chiemgau. Er gibt mir Kraft, vor allem die Berge. Ich habe den 6er im Lotto gezogen, dass ich hier aufwachsen durfte. Über meine Musik versuche ich, mit Benefiz und Spenden viel zurückzugeben an jene, die nicht so viel Glück hatten wie ich.

Wenn du dich selbst in drei Worten beschreiben müsstest, welche wären das?

Musik, Mensch, Träumer.

Was würdest du gerne (besser) können?

Ich würde gerne mehr Disziplin in Sachen Ernährung und Sport haben. Wer mich kennt weiß, dass ich gerne den extra Knödel zum Braten verdrücke. Außerdem bin ich sehr ungeduldig, auch mit mir selbst. Manchmal wünschte ich, ich könnte einen Gang zurückschalten und Dinge akzeptieren, die ich nicht ändern kann. Aber Ungerechtigkeit macht mich so wütend, dass es mir auf den Magen schlägt und den Schlaf raubt.

Du bist auf der diesjährigen Gala von DIE SALZBURGERIN ausgezeichnet worden. Wie sehr freut dich so etwas?

Sehr! Ich bin zwar kein Gala-Geher, der das Rampenlicht jenseits der Bühne gerne mag, aber ich bin dankbar, wenn ich Anerkennung für meine Arbeit und Leidenschaft bekomme. Die allerschönsten Preise sind lachende, weinende, mitsingende Menschen auf Konzerten.

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