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Zurück zum Leben im Hier und Jetzt

„Achtsamkeit“ ist in aller Munde: Gestresste Manager, Frauen mit ihrer Vielfach-Belastung, Burnout-Opfer, Schulkinder, Schwangere… sie alle üben wieder das Atmen, das Leben im „Hier und Jetzt“. Ein Trend gegen die Schnelllebigkeit unserer Zeit.
Ein Artikel von Veronika Mergenthal
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Foto: Veronika Mergenthal

In einer Oase der Stille mit alten Bäumen, lauschigen Sitzplätzen, Blumen und Kräutern schlägt das Herz des „Vereins für Achtsamkeit in Osterloh“. In dem von Maria Kluge liebevoll zum Seminarhaus umgebauten alten Bauernhaus in der Gemeinde Teisendorf (Berchtesgadener Land) begaben wir uns auf Spurensuche.

Im Grunde steckt uraltes Wissen dahinter, verwurzelt in vielen spirituellen Traditionen, sei es bei den christlichen Mystikern des Mittelalters wie Hildegard von Bingen oder Meister Eckart, sei es im Buddhismus. Der Medi-tationslehrer Jon Kabat-Zinn, geboren 1944 in New York, hat den Begriff „Achtsamkeit“ neu geprägt und Anfang der 1970er Jahre ein Training zur Integration von Übungen in den Alltag entwickelt. Sein MBSR-Acht-Wochen-Kurs (MBSR heißt „Mindfulness Based Stress Reduction“, Stressreduktion durch Achtsamkeit) wird weltweit erfolgreich im Gesundheitsbereich, in pädagogischen und sozialen Einrichtungen sowie in Unternehmen angewendet.

Was aber bedeutet Achtsamkeit?
Ein Beispiel: Ich betrachte am Chiemsee die untergehende Sonne. Lautlos gleitet eine Surferin über das golden schimmernde Wasser. Da beschließe ich, mit dem Handy ein Foto zu verschicken. Vom puren Sein katapultiert es mich in den Aktionsmodus. Mir fällt ein, was ich heute versäumt habe und ich überlege, wie ich das morgen unterkriegen soll.

Klangschale

Ein Kind schlägt eine Klangschale an, und ihre Nachbarin lässt die Augen so lange geschlossen, wie sie den Ton hört.
Foto: Veronika Mergenthal

Lassen wir Jon Kabat-Zinn selber zu Wort kommen: „Achtsamkeit ist die Bewusstheit, die entsteht, indem wir im gegenwärtigen Moment absichtlich und ohne zu urteilen aufmerksam sind.“ Im Alltag nicht so leicht: Wir springen zwischen den Handlungen hin und her, vieles geschieht im „Autopilot-Modus“, pausenlos dreht sich das Gedankenkarussell, wir ärgern uns, bewerten, grübeln herum, und wir verpassen so die schönsten Momente unseres eigenen Lebens.

Als sie mit 45 Jahren in den USA den Dokumentarfilm „Healing and the Mind“ von Bill Moyer über Kabat-Zinn und seine Achtsamkeitslehre sah, erlebte Maria Kluge ein „Déjà-vu“: Diese Arbeit zielte auf das ab, was auch sie ihr Leben lang wollte. Sie wählte Kabat-Zinn zu ihrem Lehrer. Atemarbeit und Yoga, vermittelt durch ihre Mutter, hatten ihr stets in tiefen Krisen Kraft gegeben. Etwa, als ihre Mutter aus einer spannungsreichen Ehe nach Kanada floh, als Maria erst 14 war. Später – sie war damals Textildesignerin in Italien – staunte das Klinik-Personal über ihre gute Atmung bei der Geburt ihrer beiden Kinder. Spontan nahm man sie ins Geburtsvorbereitungs-Team auf. Heute kommen die Schwangeren nach Osterloh, um in einer von Stresssituationen, Ungewissheit und intensiven Empfindungen geprägten Zeit in der Achtsamkeit Halt zu finden.

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Stille als Chance, mit sich selbst wieder in Kontakt zu kommen.
Foto: Stefan Zinsbacher

Ein erneuter Schicksalsschlag – der Tod ihres Sohnes Paco mit vier Jahren – trieb Maria Kluge zur Emigration in die USA. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Physiotherapeutin, baute ein Institut für alternative Medizin auf und widmete sich nach der Begegnung mit Kabat-Zinn mit Hingabe der Achtsamkeitsarbeit mit Gesunden, Kranken, Sterbenden, Genesenden, Kindern, älteren Menschen, Männern, Frauen, Häftlingen…

Ein Geschenk ihrer neuen Liebe, des 2010 verstorbenen Filmproduzenten John Kluge, war das Haus in Osterloh. „Meine Jugendfreunde hatten mich immer wieder gedrängt, ihnen zu zeigen, was ich in Amerika praktiziere. Und so blieb mir gar nichts anderes übrig: Ich habe sie eingeladen… Das waren meine ersten deutschen Seminare in Osterloh, damit ging alles los“, erzählt Maria Kluge über die Anfänge dieses Zentrums der Begegnung.

Auf der rundum begehbaren Anrichte mit Herd baut Ayurveda-Köchin Andrea Hafenmayer ihre vegetarischen, glutenfreien Gerichte zu einem bunten Buffet auf. Daneben lädt ein ovaler Tisch zum Austausch, Genießen, Malen und Basteln ein. In der ausgebauten Tenne finden sich Menschen zum Yoga, zu Achtsamkeitskursen, Stille-tagen und Seminaren, auch mit anderen international bekannten Achtsamkeitslehrern, zusammen.

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Ayurveda-Köchin Andrea Hafenmayer leitet eine Schulklasse zum achtsamen Essen mit verbundenen Augen an.
Foto: Haus Osterloh

Besonders am Herzen liegt es Maria Kluge, Achtsamkeit an die Schulen zu bringen. Dafür bildet sie Pädagogen aus. Die positiven Effekte, wie gesteigerte Kreativität, gestärktes Selbstvertrauen oder bessere Kommunikation und Problemlösungskompetenz, sind in zahlreichen Studien seit 1982 erwiesen. Die Teisendorfer Grundschullehrerin Steffi Hüttner erlebte, dass Kinder dafür sehr offen sind und die einmal eingeführten Übungen regelrecht einfordern, „und sie haben Freude daran, diese selbst anzuleiten.“ Kluges zweisprachiges Buch „The Toolbox is you“ mit laut Jury „modernen, erfrischenden Lernunterlagen“
erhielt 2016 den österreichischen Staatspreis.

Auch in anderen Einrichtungen spielt Achtsamkeit eine immer zentralere Rolle. So bietet die Gesundheitspädagogin Barbara Braml aus Piding unter anderem im Kurs-programm einer Krankenkasse Achtsamkeitsübungen an. „Ich beobachte in der heutigen Zeit voller Stress, Hektik und Druck bei vielen einen Wandel, weg vom Haben zum Sein, den Mut zur Langsamkeit kontra Schnelligkeit, den Wunsch, auch das eigene innere Feuer wieder zu entdecken, statt auszubrennen.“

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Schwangere Frauen finden hier eine Plattform zum Austausch und für das intensive Durchleben dieser Zeit.
Foto: Daniel Gusche

Gerade in der „Rundumvernetzung“ drohe vielen der Kontakt zur inneren Mitte abhanden zu kommen, sagt Ulli Unterreitmeier, Coach und MBSR-Lehrerin aus Siegsdorf. Bereits vor 22 Jahren begann sie zu meditieren und las anlässlich der Geburt ihrer zweiten Tochter das Buch „Mit Kindern wachsen“ von Myla und Jon Kabat-Zinn. „Seitdem lässt mich das Thema nicht mehr los.“ Sie leitet den inzwischen dritten MBSR-Acht-Wochen-Kurs des Katholischen Bildungswerks Traunstein. „Es ist jedes Mal ausgebucht.“ Von 18 bis 70 Jahre alt seien die Teilnehmer.

„Nach dem Kurs ist man keineswegs fertig. Achtsamkeit ist vergleichbar mit einem Muskel, der trainiert werden will“, betont Unterreitmeier. In den Alltag einbauen kann man täglich drei Minuten Meditation mit Fokus auf den Atem oder drei Minuten Dehnen und Strecken. Oder versuchen, ganz bei dem zu sein, was man sowieso macht, wie Kaffee kochen, Zähneputzen, Gehen oder den Hund streicheln. Der Lohn: eine neue Gelassenheit, Tiefe, auch in der Begegnung, und Lebensfreude.

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Foto: Veronika Mergenthal

Hintergrund-Info:
Das Haus Osterloh ist zu finden in
Osterloh 1, 83317 Teisendorf,
und per Internet unter www.achtsamkeit-osterloh.org.

Ein Achtsamkeitsabend für Pädagogen ist am Donnerstag, 22. November von 17 bis 20 Uhr.

Offene Abende „Gemeinsam 8Sam“ finden an den Mittwochen, 21. November und 19. Dezember jeweils von 18.30 bis 21 Uhr statt (ohne Anmeldung, auf Spendenbasis)

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