Wirtschaft & Finanz

Lesezeit: 7 Minuten

Ist Cash out?

Text: Doris Thallinger

Fotos: stockphoto-graf; Nerthuz, emojoez - istockphoto.com; pickup - stock.adobe.com

Sind die Zeiten des Münzen-Suchens, des Geld-Abzählens, kurz, des Bar-Bezahlens vorbei? Moderne und innovative Bezahlsysteme erobern zunehmend auch den stationären Handel. Deutschland liebt sein Bargeld jedoch nach wie vor.

Gleich vorweg: Das Bargeld wird noch lange nicht abgeschafft, zumindest nicht in unseren Breitengraden. Wir wollen auch keinesfalls darauf verzichten – ganz egal, welche Innovationen zum bargeldlosen Bezahlen den Markt auch überschwemmen. Aber: Die Möglichkeit, zu bezahlen, ohne das Portemonnaie in der Tasche zu haben, wird bereits genutzt: Mobile Payment, bei dem das Handy zur Geldbörse wird, das ohnehin einfach immer und überall dabei ist, hat schon seine Vorteile. Und auch die Karten und Devices der unterschiedlichen Anbieter, die immer mehr können und bieten, machen das Leben oftmals ein bisschen einfacher und die eigene Finanz vielleicht sogar transparenter.

Nur Bares ist Wahres
Vor allem bei kleineren Beträgen wird Bargeld nach wie vor als Zahlungsmittel Nummer 1 verwendet; Beträge bis 5 Euro werden zu 96 Prozent bar bezahlt, ab 20 Euro sind es allerdings schon nur mehr 60 Prozent der Transaktionen, die in bar erfolgen. Und auch wenn die Zahl der Kredit- und Girokarten, die ausgegeben werden, deutlich steigt, wächst parallel auch die Bargeldmenge leicht, aber stetig weiter.
Bargeld verzeichnet weiterhin starke Wachstumsraten zwischen 4 und 5 Prozent jährlich. 1,55 Billionen Euro waren im August 2019 im Eurosystem im Umlauf, um 4,5 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor.
Bargeld wird auch in Zukunft fester Bestandteil im Zahlungssystem bleiben, sind die Experten überzeugt. Jedoch: Die meistgenutzte Bezahlform ist das Bezahlen mit Girokarte am Point-of-Sale-Terminal, wobei laut Statistiken die Wachstumsraten bei jährlich rund 10 bis 15 Prozent liegen.

Einfach hinhalten!
Bezahlen mit Girokarte ist also State of the Art und hat durch die Near Field Communication (NFC) – die Möglichkeit zu bezahlen, indem man die Giro- oder Kreditkarte einfach an das Kartenterminal hält – weiteren Aufschwung erhalten. Das berührungs- oder kontaktlose Bezahlen erfreut sich über alle Altersklassen hinweg hoher Beliebtheit und würde von den Kunden zunehmend auch in traditionellen Bargelddomänen begrüßt werden, wie beispielsweise beim Bäcker, Metzger oder am Markt.

Smartphone & Co als Geldbeutel
Wie einst die Girokarte ist es heute die Entwicklung mobiler Zahlungssysteme und ausgeklügelter Finanz- und Bezahl-Applikationen, die zu den kommenden Trends zählen. Gerade für jüngere Generationen wird das Smartphone (und andere vernetzte Geräte) zum bevorzugten Zahlungsmittel werden: immer und überall dabei, immer einsatzbereit, schnell, unkompliziert, mit nur einem Klick. Möglich machen dies diverse Apps, die, mit einer Kontoverbindung hinterlegt, an ausgewählten Bezahlterminals den Bezahlvorgang vornehmen.

Noch einfacher – und an allen Terminals, die mit NFC ausgestattet sind, möglich – funktioniert das mobile Bezahlen, indem man sein Handy, das mit der NFC-Technologie ausgestattet ist, einfach an das Terminal hält wie die Girokarte.

Geld versenden wie eine SMS
Wer kennt die Situation nicht? Eine Runde Freunde geht zusammen essen, einer übernimmt die Rechnung – meist per Karte – und keiner der anderen hat genug Bageld eingesteckt, um seinen Part der Rechnung zurückzugeben. Mittels innovativer Technologien können heute Zahlungen in Echtzeit geleistet werden.

Anzeige

Geräte, die bezahlen
In Zeiten des „Internet of things“, in denen viele Gegenstände unsere Lebens bereits im World Wide Web vernetzt sind, kann selbstverständlich auch jeder dieser Gegenstände mit einer Bezahlfunktion ausgestattet werden, sei es die Uhr, der Ring, die Kleidung, das Auto oder Ähnliches. All diese vernetzten Dinge und Geräte übernehmen heute bereits einen nicht unwesentlichen Teil der Erledigungen, gänzlich automatisch, ohne dass wir viel davon mitbekommen.

Im Bereich des Bezahlens kann man sich beispielsweise vorstellen, dass die Gebühren in einem Parkhaus automatisch ermittelt und bezahlt werden. Oder im Supermarkt wird man als registrierter Kunde erkannt, ebenso welche Waren gekauft werden, beim Verlassen des Supermarkts wird automatisch die Kaufsumme abgebucht. Ohne Schlange zu stehen, ohne warten zu müssen. Aber dies ist wohl doch noch Zukunftsmusik…

Andere Länder – andere Zahlungssitten
Deutschland steckt, im Vergleich zu anderen Ländern, noch in den Kinderschuhen, was mobile und innovative Bezahlsysteme betrifft. Neben China sind es auch Länder wie Südafrika, Kenia und Uganda, in denen das mobile Zahl-Verhalten weit ausgeprägter ist als in unseren Breitengraden – unter anderem deshalb, weil mobiles Bezahlen als sicherer angesehen wird als offenes Bezahlen mit Scheinen.
Auch die Skandinavier sind uns weit voraus: In Schweden werden mehr als 80 Prozent aller Transaktionen mit Karte oder mobil bezahlt. Kleinere Shops und Lokale sind nicht einmal mehr verpflichtet, Bargeld anzunehmen. Entsprechend oft das Schild „No cash!“ Selbst Straßenverkäufer akzeptieren in Stockholm bereits Kreditkarten.


Das Geld-Gehirn
Zweifelsohne beeinflusst der digitale Lebensstil auch den Umgang mit Geld. Wohl einer der Gründe, warum wir in unseren Breitengraden nach wie vor ein so großes Faible für Bargeld an den Tag legen, ist, neben der (unbegründeten) Angst vor Betrug und Datenmissbrauch, dass wir das Gefühl haben, beim Bezahlen mit Cash leichter den Überblick zu bewahren.
„Das haptische Erlebnis, Geld in der Hand zu halten und jemanden zu überreichen, verstärkt das Gefühl, etwas herzugeben. Dieses Gefühl verschwindet, wenn man nur die Karte oder sein Smartphone an ein Kartenterminal halten muss“, so Experten. „All diese Bezahlsysteme sind unglaublich praktisch, aber auch gefährlich: Wer seine Einkäufe mit Bargeld bezahlt, ist sich viel eher bewusst, wie lange er für das Geld, das er gerade in der Hand hält, gearbeitet hat.“

Das Geld verliert also durch den weniger bewussten Akt des Bezahlens an Bedeutung, Geld ausgeben wird automatisiert und die Bereitschaft, Geld auszugeben, steigt. Wer mit Karte oder mobil bezahlt, merkt sich auch weniger leicht, wie viel er bezahlt hat. Und – gut für die Gastronomie: Anscheinend gibt es bei Kartenzahlung mehr Trinkgeld.